Mal ordentlich Dampf machen…Wasserstofferlebnistag in Linthe

Update vom 26.10.2012:

Heute sind neue Fotos und ein tolles Video gekommen, viel Spaß beim Anschauen!

Originalbericht:

Gestern war es dann soweit: der Berliner Tagesspiegel und die Clean Energy Partnership (CEP) hatten 20 Interessierte zum Wasserstofftag in das ADAC-Fahrsicherheitszentrum nach Linthe eingeladen…nur Männer. Nur Männer? Nein, denn immerhin eine Dame hatte sich unter den Teilnehmern eingefunden. Unbeugsam, wie die Gallier, nahm auch sie an allen Übungen und Prüfungen teil. Ihr Alter habe ich auf mind. 70 geschätzt…so was fragt Mann ja nicht. (Sie ist 67 Jahre alt…)

Ok, die Anreise war unproblematisch, runde 50km auf der Autobahn. Dann Abfahrt Linthe und nach wenigen Minuten steht man mitten im ADAC-Fahrsicherheitszentrum, das so ein wenig an eine Rennstrecke erinnert. Schon auf der Fahrt wurde ich von zwei Damiler B-Klasse F-Cell überholt, leider konnte ich mit den max. 130 km/h des iOn nicht ganz mithalten. Immerhin, einmal Vollgas über die Strecke, hat ja auch mal was. Der Stromverbrauch war natürlich entsprechend hoch.

Vor Ort angekommen fanden sich die Teilnehmer schnell an den bereitstehenden Fahrzeugen ein: drei Stück Opel HydroGen4 und vier Stück B-Klasse F-Cell. Alle schön und auffällig bedruckt („Hier fährt die Zukunft“). Hm, Elektroantrieb ist Zukunft? Ob das wohl stimmt…es soll ja schon heute Fahrzeugen, die…naja, lassen wir das.

Nach einem kurzen Hallo ging es dann in einen kleinen Seminarraum mit schönem Frühstück. Die einleitenden Worte sprach Frau Bröcker von der CEP. Sie stellte in kurzen Worten die CEP und deren Ziele vor: Entwicklung und Einführung von Wasserstoff als Energieträger für schwere Lastkraftwagen und Busse sowie Personenkraftwagen für lange Strecken. Die „Nachteile“ der batterieelektrischen Fahrzeuge sprach sie natürlich auch an (stundenlanges Laden, geringe Reichweiten etc. – das kennen wir ja). In der CEP sind Firmen wie Daimler, Ford, Toyota, GM, Volkswagen, Vattenfall, EnBW, Total, BVG und andere engagiert. Die Zeit der fossilen Brennstoffe ist vorbei, ohne nachhaltige und CO2-freie bzw. -neutrale Energieträger geht nichts mehr. Auch politische Gründe wurden angeführt! Hört, hört. Für die Energiewende sind aber Speichertechniken nötig, Wasserstoff ist eine vielversprechende Option. Die aktuellen Wirkungsgrade aber miserabel. Macht nichts, schließlich soll nur überschüssiger Windstrom genutzt werden. Beispielhaft wurde das Hybridkraftwerk von Enertrag in Prenzlau angeführt. Ob in Zukunft wohl ausreichend überschüssiger Windstrom ausreicht, um hunderttausende Fahrzeuge mit H2 zu versorgen, wurde stark bezweifelt. Ohne zusätzliche Stromerzeugungskapazitäten für die H2-Produktion wird es wohl sicher nicht gehen.

Dann wurden uns Zahlen präsentiert: so werden bei einem Elektroauto 2,9 g CO2/km emittiert…wenn man Atomkraft nutzt! Dies kommt aber für D nicht mehr in Frage (zum Glück). Unter den Teilnehmern wurde die Zahl ein wenig belächelt (Vorläuferemissionen, Konditionierung, Lagerung…). Mit H2 aus Windkraft werden 7,6g pro km emittiert. Mit Strom aus dem EU-Mix fallen am Elektroauto 87g pro km an, mit Strom aus Braunkohle 181g, mit H2 aus Braunkohle 196g. Der PKW mit Benzin/Diesel liegt bei 154/164g pro km (gesamte Prozesskette). Am Elektroantrieb führt also kein Weg vorbei. Da hat sie wohl Recht. Immerhin: mit dem gegenwärtigen EU-Mix sind Elektroautos bereits sauberer als Verbrenner.

H2 ist ein effizienter Energieträger: 1kg H2 speichert die Energiemenge von 3kg Erdöl! Die Speicherung ist aber auffwändig: Hochdruckverfahren (350 – 700 bar) oder Verflüssigung (bei unter – 250 Grad Celsius). Derzeit wird nur mit dem Hochdruckverfahren gearbeitet. Die Selbst-Entleerung der Tanks (H2 ist das kleinste Molekül) ist zu fast 100% gelöst.

Für die Versorgung der H2-Fahrzeuge soll die bestehende Tankstelleninfrastruktur genutzt werden; die Betankung eines PKW kann in ca. 3 Minuten erfolgen. Der aktuelle H2-Preis (Berlin-Sachsendamm Esso: ca. 10 Euro / kg; 1kg reicht für ca. 100km) ist politisch und folgt dem Dieselpreis. In Zukunft werden wohl 7 Euro fällig. Ein Teilnehmer bemerkte, dass dies recht teuer sei. Die Antwort: die Zeit der billigen Individualmobilität ist vorbei. Ein anderer meinte, der Preis von 7 Euro pro kg sei viel zu hoch angesetzt, eher 3-4 Euro seien realistisch, wenn man das im großen Stile machen würde.

Derzeit existieren in D 13 funktionierende H2-Tankstellen (Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Stuttgart). Bis Ende 2015 sollen 50 Tankstellen in Betrieb sein und die Ballungsräume (Berlin, Hamburg, Leibzig, Suttgart, München, Rhein/Ruhr) abdecken. Aufgrund der Reichweiten sind Fahrten zwischen den Ballungsräumen u.U. bereits möglich. Der gesamte Nord-Ost-deutsche Raum wie auch Mitteldeutschland bleiben unversorgt. D.h. von Berlin nach München oder von Hamburg nach Stuttgart geht es nur mit Umwegen. Urlaub an der Ostsee mit H2 im Tank? Unmöglich. Es werden also vorerst Ballungsraum-Fahrzeuge bleiben. Rein elektrisch geht´s leichter. Vielleicht gibt es ja später PlugIn-H2-Hybride?

H2-Fahrzeuge gibt es bereits von: Daimler (B-Klasse), Opel (HydroGen4), Toyota (FCHV), Audi (Q5 HFC), BMW (HydroGen7 – Entwicklung wurde aufgegeben; BMW steigt ebenfalls auf Brennstoffzellentechnik um), Honda (FCX), Ford (Focus FuelCell), VW (Tiguan HyMotion) sowie ein paar Busse (z.T. aber noch mit H2-Verbrennung, z.B. die Busse der Berliner BVG). Die H2-Verbrennung ist ineffizient und erzeugt Luftschadstoffe, da nicht mit reinem O2, sondern mit „Luft“ verbrannt werden muss. Daher setzten alle auf die Brennstoffzelle. Diese ist aber derzeit noch sehr teuer (u.a. aufgrund des enthaltenen Platins) und nicht ausreichend langlebig (soll sich aber ändern…). Im kommenden Opel HydroGen5 soll bereits nur noch 1/7 der Platinmenge nötig sein, die Größe wurde um 30% reduziert und die Lebensdauer deutlich verlängert, dies stimmt hoffnungsvoll. Auf Nachfrage wurde erläutert, dass Brennstoffzellen nach und nach defekt gehen, d.h. eine „Zelle“ nach der anderen. So sinke die Spannung langsam ab, was man aber kaum merken würde. So war dem Fahrer des ADAC-HydroGen4 in Berlin („Gelber Engel“) gar nicht aufgefallen, das die halbe Brennstoffzelle defekt war. Wann braucht man auch schon die volle Leistung?

Ach, kaufen kann man natürlich nicht kein einziges H2-Fahrzeug, frühestens 2014/2015. Solche Ankündigungen haben wir ja alle schon mal woanders gehört. Derzeit würde ein Opel HydroGen4 ca. 1 Million Euro kosten. Die Verkaufspreise sollen auf jeden Fall unter 100.000 Euro liegen.

Wie die Elektrolyse funktioniert gebe ich hier nicht weiter, das kann jeder im Physikbuch der Schule nachlesen; aber: es macht halt nur Sinn mit erneuerbaren Energien. Nun zu den Fahrzeugen.

1. Opel HydroGen4
Das ist so ein typischer SUV oder „crossover“ zwischen VAN und Geländewagen, groß und – vor allem – schwer (2010 kg). Zu schwer, um effizient zu sein? Die drei Tanks aus Kohlefaser können bis zu 4,2kg gasförmigen H2 aufnehmen, den sie mit 700bar speichern. Der Berstdruck liegt bei 1500bar. Die Reichweite liegt bei ca. 320km, das Drehmoment bei 320Nm, die Leistung liegt bei 73kW (max. 94kW). Wer schon eine Elektroauto gefahren ist, muss sich nicht umgewöhnen, es IST ja ein Elektroauto. Ausgewählt werden kann u.a. zwischen zwei Fahrstufen, einmal mit, einmal ohne Reku. Diese ist aber recht lau ausgeführt, der iOn verzögert stärker. In der Mittelkonsole ein Display, das den Energiefluss zeigt. Zusätzlich ist ein 1,8kWh-Akku (NiHM) eingebaut, der die Reku-Energie aufnimmt und max. 35kW Leistung abgeben kann. Allein mit dem Akku kann das Fahrzeug nicht fahren, auch ist der Akku nicht via Steckdose aufladbar. Was ist das jetzt? Kein Vollhybrid, eher ein Mild-Hybrid; der Akku „hilft“ nur beim Anfahren. Nervend die Geräusche von div. Ventilen, ein ständiges Summen und Brummen. Nach 2h will man das echt nicht mehr hören. In der kommenden Generation soll das komplett weg sein. Geheizt wird rein elektrisch, derzeit beschäftigt man sich weder mit einer Wärmepumpenheizung noch einer Wärmerückgewinnung aus den „Abgasen“ oder dem Innenraum. Effiziente Energieausnutzung sieht meiner Meinung nach anders aus. Oder liegt es einfach daran, dass man ja „genug“ Energie mit sich führt?

2. Daimler Benz B-Klasse F-Cell
Dieses Fahrzeug bin ich nicht gefahren, daher nur ein paar technische Werte:

  • Leergewicht: 1809 kg
  • Leistung max. 90kW (70kW nom.); Drehmoment 290Nm
  • Reichweite bis zu 385 km
  • Fassungsvermögen 3,7kg gasförmiges H2 (700 bar)
  • Batterie LiOn, flüssigkeitsgekühlt, 1,4kWh, max. 10kW Leistung

Gemäß den Aussagen der Redakteurs vom Tagesspiegel soll die B-Klasse „kerniger“ und „spritziger“ fahren als der Opel, auch die Innenraumoptik ist deutlich hochwertiger, davon konnte ich mich selber überzeugen. Echt Daimler eben. Der Opel eher bieder, das Display eher schlecht ablesbar…da geht noch was, Opel!

Nach den Ausführungen von Frau Bröcker sollte eigentlich der Herr von Opel die Fahrzeugtechnik erläutern, was aber aufgrund der fortgeschrittenen Zeit abgebrochen werden musste und später, vor dem Mittagessen, dann nachgeholt wurde. Hier waren aber nicht mehr alle anwesend.

Anschließend stellte sich der freundliche Herr vom ADAC vor und dann ging es (endlich) raus zu den Fahrzeugen und auf die Piste. Nach einigen Eingewöhnungsrunden war es dann Zeit für die Übungen. Hierzu zählten: Slalom, Notbremsungen auf verschiedenen Untergründen sowie Ausweich- und Schleuderübungen auf nasser Fahrbahn. Alles wirklich interessant und empfehlenswert; man lernt sein Fahrzeug mal ganz anders kennen. Zwischendurch gab es immer wieder Fahrerwechsel und Zeit für Gespräche. Gegen 13 Uhr war dann Schluss, es gab Mittagessen mit weiteren Diskussionen unter den verbliebenen Teilnehmern und dann ging es ab nach Hause (zwischenzeitlich war der iOn auch wieder voll geladen). Hier nun noch ein paar Eindrücke:

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Video hier…klick

Alles in allem waren das eindrucksvolle Stunden, haben wir hier die Zukunft der Mobilität gesehen? Die Teilnehmer waren sich einig, dass es keine einzige Lösung geben wird, eher ein Mix aus verschiedenen technischen Ansätzen.

Vielen Dank dem Tagesspiegel und der CEP!

Bleibt nur ein Wehrmutstropfen: die Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge am Fahrsicherheitszentrum in Linthe sind alles andere als professionell. Hier sollte der ADAC schnell etwas ändern. Unsere Mitarbeit wurde angeboten…

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