Schnell-laden-Berlin – Ein Trauerspiel in mehreren Akten

Sehr geehrte Damen und Herren!

Im vergangenen Jahr wurde das Schaufensterprojekt Elektromobilität „schnell-laden-berlin“ (www.schnell-laden-berlin.de) offiziell gestartet. Ziel des Projektes ist die (Zitat): „Entwicklung und Demonstration des Combined Charging Systems (CCS) im urbanen Raum mit Schnellladeinfrastruktur, korrespondierenden E- Fahrzeugen sowie Erprobung/Kommunikation entsprechender Anwendungskonzepte (Abrechnungs-, Geschäfts- und Mobilitätsmodelle).“

Von den geplanten sieben DC-Schnellladern sind Ende Februar 2015 ganze fünf in Betrieb; dazu sollten auch 2-4 schnellladefähige Fahrzeuge in Betrieb genommen werden. Auch die Anbindung an andere Schaufensterregionen durch Ausweitung des Schnellladekonzeptes ist bzw. war geplant.

Nach mehreren Monaten, in denen zahlreiche private und gewerbliche Nutzer von Elektrofahrzeugen, die teilweise Mitglieder der Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg sind, die Ladestandorte auf Herz und Nieren getestet haben, u.a. weil der Strom dort bislang kostenlos abgegeben wurde, ziehen wir – die Nutzer – ein zwiespältiges Zwischenergebnis. Wohlwissend, dass es sich um ein weiteres „Pilotprojekt“ handelt, müssen wir wie folgt jedoch feststellen:

Akt 1. Diskriminierung des CHAdeMO-Ladesystems: Obwohl alle Säulen erfreulicherweise mit dem weltweit führenden DC-Ladesystem CHAdeMO ausgestattet sind, finden sich nach wie vor (Stand 1. März 2015) auf der o.g. Projekthomepage keine Angaben dazu. Lediglich auf der Übersichtskarte der Ladestandorte wird erst beim Anklicken einer Ladesäule auf das Vorhandensein des CHAdeMO-Anschlusses hingewiesen. Trotz mehrfacher Versprechen seitens der Pressestelle, wurden bislang diese Informationen nicht geändert.

Akt 2. Uneinheitliche Ausstattung: Während alle Säulen innerhalb Berlins mit CHAdeMO, CCS und Typ2 ausgestattet sind, fehlt der wichtigen Ladestation an der A9 (Autobahnausfahrt Linthe, ca. 50 km südlich Berlins) der Typ2-Anschluss. Für Fahrer von Fahrzeugen ohne DC-Anschluss ist die Reise spätestens hier zuende. Andererseits können auch Fahrer von Fahrzeugen mit CHAdeMO-Anschluss ab hier ebenfalls nicht recht weiter, weil die Ladesäulen weiter südlich (Schaufensterprojekt „Elektromobilität verbindet“, ebenfalls finanziert aus Steuergeldern!) dann keinen CHAdeMO-Anschluss mehr aufweisen. Klare Linie: Hier wird CCS bevorzugt. Und das vor dem bekannten Hintergrund, dass es bislang kaum Fahrzeuge mit CCS gibt und in Europa bereits mehr als 1500 CHAdeMO-Ladestationen in Betrieb sind. Unglaublich, aber Realität mitten in Europas wichtigstem Transitland.

Dies geschieht auch angesichts der klaren Aussagen der EU-Direktive zu alternativen Antrieben, dass die Bemühungen anderer Länder beim Aufbau einer Ladeinfrastruktur nicht negativ beeinflusst und Besitzer von Fahrzeugen mit anderen Ladesystemen (als CCS) nicht diskriminiert werden dürfen. Doch Deutschland schert sich nicht darum. Und auch die deutsche Hauptstadt, selbsterkannte Hauptstadt der Elektromobilität, kann sich dem nicht entziehen. Nur wer die bekannten E-Tankstellen-Verzeichnisse (z.B. LEMNET, PlugSurfing, GoingElectric) nutzt, erfährt überhaupt, dass diese Ladesäulen CHAdeMO, CCS und (teilweise) Typ2 bereitstellen.

Akt 3. Nicht-Verfügbarkeit 1: Immer wieder erhalten wir Berichte, dass die DC-Lader nicht funktionstüchtig sind. So war z.B. der Lader in der Alboinstraße gleich mehrere Wochen außer Betrieb. Angaben, wann der Lader wieder verfügbar sein sollte, konnten weder RWE noch die eMO machen. Da standen dann ca. 60.000 Euro Steuergelder nutzlos wochenlang in der Gegend rum. Auch heute noch weisen die Lader immer wieder Probleme auf und zeigen sich Fehler in der Software. So kann z.B. der Ladezustand nicht am Kontrollterminal abgerufen werden oder es erscheint die Meldung, das derzeit ladende Fahrzeug sei gar nicht angeschlossen. Da fragen wir uns, ob die Entwickler ihre Produkte überhaupt selber nutzen.

Akt 4. Rechtlicher Rahmen: Auch die Stellplätze an den DC-Schnellladern werden immer wieder von Verbrennern gekapert. Bestes Beispiel dafür war das Zuparken des Laders in der Alboinstraße durch ein Firmenfahrzeug des benachbarten McDonalds-Restaurant, das ja selber großes Interesse an der Verfügbarkeit der Stellplätze haben sollte. Doch es wurden auch andere „Enterungen“ berichtet, z.B. lagerte eine Gartenbaufirma ihren Grünschnitt auf dem Stellplatz des DC-Laders. Eine rechtliche Handhabe, die Falschparker abzuschleppen, gibt es nicht und so sägt sich das Projekt, dass die Technik ja testen soll, selber den Ast ab, wenn es die Verantwortlichen nicht schaffen, die Stellplätze freizuhalten. Überhaupt muss man die Lader auch erstmal finden, insb. als Ortsfremder. In Linthe ist er mehr als versteckt und in der Wilhelimenhofstraße zeitlich begrenzt (8 bis 18 Uhr). Weitere Beispiel für widerrechtlich genutzte Ladestellplätze in Berlin unter www.efalschparker.wordpress.com

Akt 5. Mangelhafter Service: Nicht nur einmal mussten wir feststellen, dass die Ladesäulen des Projektes den Hotline-Mitarbeitern nicht bekannt sind. So habe ich selber die Erfahrung gemacht, dass mir ein RWE-Mitarbeiter am Telefon weismachen wollte, dass es die Ladesäule, vor der ich stehe (mit RWE-Aufkleber) gar nicht gäbe. Und auch die „Ladesäulenfinder“ von RWE und Vattenfall(https://www.rwe-mobility.com/web/cms/de/1195202/emobility/rwe-ladesaeulenfinder/; http://www.vattenfall.de/de/emobility/ladestationen-berlin.htm) kennen die DC-Lader bis heute (1. März 2015) nicht, obwohl diese schon seit Monaten in Betrieb sind.

Akt 6. Wucherpreise geplant: Laut Aufklebern auf den Säulen sollten diese bis Ende 2014 kostenlos nutzbar sein. Nun heißt es, dass Ende März das kostenlose Laden zuende gehen wird. Stattdessen soll zukünftig die Ladung dort nach Zeit abgerechnet werden, und zwar zu 35 Cent pro Minute. Dies bedeutet Strompreise zwischen ca. 50 Cent und 2 Euro pro kWh. Denn auch an DC wird nicht mit konstanter Leistung geladen (je voller der Akku, desto langsamer die Ladung) und im Winter haben wir nie Ladeleistungen über 8 kW beobachtet. Umgerechnet auf die benötigte Zeit ergeben sich Strompreise jenseits von Gut und Böse an diesen durch Steuergelder finanzierten Ladern. Wer wird da noch bereit sein, zu solchen Preisen zu laden? Insb. wenn die Verfügbarkeit und die Zuverlässigkeit immer noch zu wünschen übrig lassen. Und: Wenn schon das Laden zukünftig per App gesteuert werden soll, dann macht es keinen Sinn, die App nur für ausgewählte Endgeräte anzubieten. Auch so werden viele potentielle Nutzer ausgeschlossen.

Fasst man all dies zusammen, stellt das Projekt im Grunde eine haarsträubende Verschwendung von Steuermitteln dar. Unausgereifte und überteuerte Technik, fehlende rechtliche Rahmenbedingungen und mangelhaftes Engagement kennzeichnen den bisherigen Stand der Umsetzung dieses Projektes. Große Worte, k(l)eine Taten. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegen (noch) Welten. Aus der Sicht derer, die das Projekt auf der Nutzerseite umsetzen, sollte folgendes sofort passieren:

1. Aufbau der noch fehlenden zwei DC-Ladern an ausgewählten Standorten
2. Klare Beschilderung der Ladestandorte, Beleuchtung bei Dunkelheit
3. Während der „Testphase“ weiterhin kostenlose Abgabe des Stroms, damit auch weiterhin möglichst viele Nutzer motiviert werden, die Lader anzufahren, zu nutzen und damit dem Projekt Sinn zu geben
4. Schaffung eines rechtlichen Rahmens, um Falschparker kostenpflichtig abschleppen zu lassen
5. Sicherstellung, dass auch CarSharer wie MultiCity und DriveNOW die DC-Ladestellplätze nur während einer Ladung besetzen und Fahrzeuge dort nicht tagelang stehen lassen
6. Sofortige Überarbeitung der Projekthomepage mit dem Ziel, die vorhandene Ladeinfrastruktur diskriminierungsfrei darzustellen
7. Nachrüstung der DC-Ladestation in Linthe mit AC-Typ2
8. Aufnahme der Ladestellen in die Online-Ladesäulenfinder und Apps der Betreiber RWE und Vattenfall, soweit noch nicht geschehen; Schulung der Hotline-Mitarbeiter
9. Gemeinsame Diskussion, Fortführung und Weiterentwickung des Projektes mit aktiven Nutzern

Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg
julian affeldt | meiereifeld 7e | 14532 kleinmachnow | +49 (0)33 203 23 84 0 | +49 (0)176 84 20 48 27

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