Offener Brief an Frau Bundeskanzlerin Merkel

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

sicher haben Sie Kenntnis vom offenen Brief des Präsidenten des BEM, Kurt Sigl, zur Entwicklung der Elektromobilität in Deutschland, der am 8. Juni 2015 auf der Homepage des BEM e.V. veröffentlich wurde.

Als Vorstand der Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg, einer privaten Initiative zur Vertretung der Interessen von privaten Nutzern von Elektrofahrzeugen, möchten ich Ihnen mitteilen, dass wir die von Kurt Sigl angesprochenen Sachverhalte vorbehaltlos und zu 100% unterstützen. Kurz: Deutschland verliert den Anschluss in Sachen Elektromobilität.
Seit Jahren können wir uns des Eindrucks nicht entziehen, dass in Deutschland geforscht und geforscht, aber nicht gehandelt wird, um die Elektromobilität zu den Menschen zu bringen.

Ich möchte dies an einem Beispiel verdeutlichen: Bitte leihen Sie sich ein Elektroauto aus deutscher Produktion und versuchen Sie, von Berlin nach Greifswald zu fahren. Sie werden dort nicht ankommen. Und der Grund liegt nicht in der fehlenden technischen Reichweite der heute verfügbaren Fahrzeuge (Ausnahme: Tesla), sondern in der praktisch komplett fehlenden Lade-Infrastruktur und der mangelhaften Ausstattung der Fahrzeuge, insb. aus deutscher Produktion, mit einer leistungsfähigen Ladetechnik. So sind Ausflüge z.B. von Berlin an die Ostsee oder von Berlin nach Hamburg im Jahre 2015 mit einem Elektroauto nicht möglich. Sie werden u.a. feststellen, dass es unmöglich ist, unsere Hauptstadt elektrisch zu verlassen, denn rund um Berlin erstreckt sich praktisch eine Wüste in Sachen Ladeinfrastruktur. Und auch in der Stadt entstehen Ladesäulen meist dort, wie sie niemand braucht.

Dieses Beispielt zeigt die gesamte Misere. Auch heute noch, obwohl wir dies immer und immer wieder bemängelt haben, entscheiden „Entscheider“ über Elektromobilität, die noch nie länger als 1 Stunde in einem E-Auto gesessen haben. Umfangsreiche Alltagserfahrungen haben nur wenige und die werden nach wie vor nicht gefragt. Und schlimmer noch: Diese sind auch verantwortlich für die Verschwendung von Millionen an Steuergeldern, u.a. in den Schaufensterprojekten Elektromobilität. Hunderttausende Euro flossen z.B. in Berlin in die Erprobung von Schnellladetechniken (www.schnell-laden-berlin.de), die auch heute noch häufig nicht zuverlässig funktionieren und wo in Zukunft Ladepreise verlangt werden, die eher zur Abschreckung vor einem Elektroauto dienen, als dies zu fördern.

Statt die Elektromobilität so zu fördern, dass sie für jedermann attraktiv und nutzbar wird, geht es um das Bewahren von Besitzständen. Das Ziel, unsere Mobilität zu sichern und im Sinne der Nachhaltigkeit umzubauen – auch und gerade für die kommenden Generationen -, gerät dabei außer Blick. Forschungsinstitute und Universitäten erhalten dutzende Millionen zur Forschung, statt Deutschland für 5-10 Millionen endlich flächendeckend mit einer barrierefreien, diskriminierungsfreien (im Sinne der EU-Direktive für alternative Antriebe und Kraftstoffe!) und leistungsfähigen Ladeinfrastruktur zu überdecken.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, werfen Sie den Blick auf unsere dänischen oder holländischen Nachbarn. Dort entdecken Sie das Paradies für Elektromobilität. Doch Deutschland, als wichtiges Transit- und Tourismusland in der Mitte Europas, igelt sich ein, diskriminiert ausländische Ladesysteme und schafft es nicht einmal, gesetzliche Regelungen zu schaffen, um Ladestellplätze freizuhalten.

So weiter und Deutschland verliert endgültig den Anschluss und wird zum Leidmarkt Elektromobilität, statt zum Leitmarkt. Einen Markthochlauf kann es so nicht geben und wird es so nicht geben.

Unsere Interessengemeinschaft begleitet die Entwicklung der Elektromobilität in der Region Berlin-Brandenburg und auch wir stehen Ihnen gerne mit unseren Erfahrungen und Hinweisen zur Seite, wenn dies gewünscht wird.

Hochachtungsvoll
J. Affeldt
Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg

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2 Kommentare

  1. beispielhaft sei hinzugefügt, dass bei dem am Montag, dem 15. Juni 2015 (ja 2015) stattfindenden zweitägigen Fachkongress zur Elektromobilität auf meine Anfrage zur Lademöglichkeit am Kongresscenter (bcc am Alexanderplatz Berlin) nicht einmal eine Antwort kam. Ist es denn so ungewöhnlich, dass bei einer derartigen Veranstaltung Leute mit einem E-Auto kommen, wo es doch genau darum gehen sollte? Die Infrastruktur in der Nähe ist mir bekannt. Warum soll ich aber weiter laufen, weil ich mit E-Auto anreise als diejenigen, denen im Parkhaus des bcc und nachts in den empfohlenen Hotels Parkmöglichkeiten geboten werden? Destiny-Charging ist ein Begriff, den man auf der Fachtagung wohl noch nicht kennt. Den Veranstaltere sollte man ohne weiteres auswechseln! Punkt.

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