Laden in Berlin: „Der Vorgang steht nicht zur Verfügung“

Seit 2008 bin ich „Elektromobil“. 2007 kam die erste PV-Anlage aufs Dach, da war der Weg zum ersten Elektrofahrzeug, einem CityEl, nicht weit. Es folgte ein smart ed, Gen 2, und nun fahren wir seit 4 Jahren einen Peugeot iON und die 50.000 km Fahrleistung kommen immer näher. Insgesamt sind es schon knapp 100.000 km. Für uns ist der iON inzwischen längst das Erstauto geworden. Für längere Fahrten steht uns zwar ein Toyota Prius zur Verfügung, aber der iON ist das Alltagsauto. Doch bei aller Begeisterung für die Elektromobilität: Manchmal frage ich mich, warum ich mir bzw. warum wir uns das antun. Nein, nicht das Fahren mit Strom. Das ist fantastisch, immer noch so faszinierend wie am ersten Tag. Leise, kraftvoll, effizient und zum Teil mit selbst erzeugtem Strom.

Nein, ich meine das mit dem Laden. Zuhause steht eine hochmoderne Wallbox zum Laden zur Verfügung. Verfügbareit: 100%. Noch nie in all den Jahren hat sie uns im Stich gelassen. Mir geht es um das „öffentliche Laden“. Also wenn wir mal unterwegs sind und sei es nur in Berlin. Auch da kann es mit dem Strom schon mal knapp werden, so wie heute.

Ein ungeplanter Umweg, ein Termin zwischendurch, und dann passiert es eben: Die Ladesäule im Display des iONs beginnt heftig zu blinken: Bitte laden! Doch wo? So schwer kann das doch in Berlin, der Hauptstadt der Elektromobilität Deutschlands, eigentlich nicht sein. Schon lange stehen viele Ladesäulen von Vattenfall und RWE in Berlin an den Straßenrändern und warten auf Kundschaft. Und viele neue Ladesäulen aus dem „be-emobil“-Programm spießen derzeit aus dem Boden. Alles in Butter? Einfach die nächste Säule anfahren, einstöpseln, 30 Minuten warten und weiter geht´s? Weit gefehlt.

Seitdem in Berlin die meisten Ladesäulen auf ein Abrechnungsmodell nach Zeit umgestellt werden, lade ich äußerst ungerne „öffentlich“. Ich sehe es nicht ein, nicht für den tatsächlich geladenen Strom, sondern für die Ladezeit – also die Standzeit – bezahlen zu müssen, obwohl das Parken während der Ladezeit ja gemäß den Schildern, die an den Ladesäulen stehen, eigentlich frei ist. Der iON lädt nur mit 3,3 kW, das ist recht langsam und manchmal legt er eine 20-minütige Ladepause ein, die man nicht abkürzen kann. Hier würde ich sogar zahlen müssen, ohne überhaupt Strom zu bekommen. Beim Laden nach Zeit kostet mich die Kilowattstunde also ein Vielfaches des Haushaltstarifes. Doch an einigen Vattenfall-Ladesäulen kann man zum Glück noch nach dem alten Tarif, also nach Arbeit bzw. tatsächlich geladenem Strom, zahlen. Und so eine steht in der Tiefgarage der Zehlendorfer Welle. Ich will ja sowieso noch zum Sportstudio in der Zehlendorfer Welle, also ab in die Tiefgarage und ran an die Säule.

Diese Ladestelle finde ich wirklich sehr gut gemacht! Gut ausgeschildert, die Ladeplätze farblich markiert, nur ganz selten verirren sich Verbrenner auf diese beiden Plätze. Heute sind sie frei. Schnell das Kabel ausgepackt, die RFID-Karte aus dem Handschuhfach geangelt und ran an die Säule. Doch halt: Das wäre zu einfach. Denn die Säule streikt, will einfach ihre Arbeit nicht tun: „Der Vorgang steht nicht zur Verfügung“. Auch nach mehreren Versuchen nicht. Hier bekomme ich keinen Strom. Ich verlasse die Tiefgarage und versuche auf der Straße stehend die Hotline anzurufen. Es ist eher kalt, laut und ungemütlich. Der Mitarbeiter weiß leider auch keinen Rat, wahrscheinlich, so seine Vermutung, funktioniert die GSM-Verbindung der Abrechnungsfunktion nicht, also schaltet die Säule nicht frei zu Laden. Wieder einmal frage ich mich: Wäre ein simpler Münzeinwurf wie am Parkscheinautomaten, der gleich daneben steht, nicht viel einfacher? Aber wir leben ja im digitalen Zeitalter, da kommen Jahrzehntelang erprobte Bezahlmethoden nicht in Frage. Was nun? Ich will doch nur laden. Ich habe noch Strom für 3 Kilometer, doch nach Hause sind es 6. Es hätte so schön sein können. Während ich zum Sport gehe, lädt das Auto.

Ca. 50m entfernt steht eine der neuen be-emobil-Ladesäulen; das sind die, mit dem Zeitmodell. Ok, dann muss es halt so sein, 15 Minuten sollten reichen. Ein Blick zeigt aber, dass auch diese Lösung nicht zur Verfügung steht, denn, wie so oft, sind die beiden Ladeplätze an der Säule durch Verbrennerfahrzeuge zugeparkt. Weit und breit keine Spur von den Fahrern. Auch das Ordnungsamt kann nicht helfen, denn heute ist Samstag.

Jetzt fange ich an, mir Gedanken zu machen: Soll so die Zukunft der Mobilität aussehen? Da kann man nicht mal einen Umweg fahren, ohne dass einem gleich der Strom ausgeht und man ggf. nicht nach Hause kommt, weil man einfach keinen Strom bekommt? Ich schaue mich um. Überall wird Strom genutzt, überall. Doch nirgends eine simple Steckdose für meinen iON. Ich kann ja zuhause laden. Aber wie soll ein Mieter oder Eigentümer, der keine eigene Lademöglichkeit hat, zurecht kommen? Wo soll er sein Auto laden? Und das zuverlässig, jeden Tag.

Hier, mitten in Berlin Zehlendorf-Mitte, also nicht irgendwo in Klein-Kleckersdorf, bekomme ich für mein Elektroauto keinen Strom. Fühle mich gestrandet inmitten des Fortschritts. Die nächste Ladestation ist knapp 5 km entfernt. Eine Vattenfallsäule an einem REWE-Markt. Oder doch die 6 km nach Hause wagen – das wird eng, verdammt eng.

Kurz: Ich wage den Versuch. Schon nach den ersten 2 km springt die Restreichweitenanzeige auf Null. Ich krieche nach Hause, bin ein einziges Verkehrshinderniss, werde angehupt und ich ahne schon, was in den Köpfen der anderen vorgeht: Wieder so eine „lame duck“, ein lahmes E-Auto. Auf dem Heimweg komme ich an zwei Tankstellen vorbei. An beiden tanken die Menschen ihre Autos auf. Schnell, problemlos, ganz einfach. Ich will das auch! Warum klappt das einfach nicht, hier in Berlin, der Hauptstadt der Elektromobilität?

Autor:
J. Affeldt, Gründungsmitglied der Interessengemeinschaft Elektromobilität Berlin-Brandenburg
Kleinmachnow

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s