Tag „3“ – Ein Kommentar und Weckruf

Heute ist es soweit, heute will Teslamotors das vierte Modell (nach dem Roadster, Model S und Model X), „Model 3“ genannt, enthüllen und die Reservierungslisten öffnen. Der Anstrum wird gewaltig sein. Tesla macht´s eben richtig, das hat auch Stefan Niemand, Chef für Elektromobilität bei AUDI, vor kurzem geäußert. Das Model „3“ ist bzw. soll Teslas Antwort auf den Massenmarkt sein: ein erschwingliches, faszinierendes Stück Technik. Basierend auf den Millionen an Testkilometern, die alle bisherigen Tesla-Fahrer in den letzten Jahren gesammelt haben. Dafür ein dickes Danke! Hier wurden Erfahrungen auf der Straße gesammelt, die unbezahlbar sind und die in dieser Größenordnung kein anderer Hersteller, vielleicht noch Nissan, mit reinen Elektrofahrzeugen vorweisen und für die Weiterentwicklung nutzen kann. So wird jede Fahrzeuggeneration besser und besser. Das ist der Weg.

 

Bei so viel Verzückung muss aber der Blick auf den deutschen Markt die Stimmung vermiesen. Kaum 30.000 Elektroautos fahren auf deutschen Straßen umher, es hätten 2017 schon viel mehr sein müssen. Knapp das 10-Fache, wenn es nach den Plänen der NEP gegangen wäre. Deutschland liegt massiv hinter seinen Zielen zurück. Und wenn das nicht schon beschämend genug wäre: Was gilt da heute nicht alles als „Elektroauto“? Knapp 50 km elektrische Reichweite nach NEFZ und schon gilt einer dieser neuen PlugIn-Hybriden bereits als Elektroauto im Hersteller-Portfolio. Doch in der Praxis schrumpfen die 50 NEFZ-km ganz schnell zu vielleicht 35 oder 40 und bei Regen, Schnee und Kälte bleiben vielleicht noch 20 oder 25 km übrig. Elektroauto? Ganz sicher nicht. Mehr ein grün angemalter Elektrograshüpfer.

 

Nun soll es 3000 bzw. 5000 Euro Kaufprämie geben, um die Menschen zum Kauf eines Elektroautos anzuregen. Ich bin da skeptisch und ich weiß, dass nicht alle so denken. In anderen Ländern hat eine Kaufprämie einen wahren Kaufrausch ausgelöst, z.B. in Norwegen. Dennoch bin ich der Meinung, man sollte nicht den Kauf, sondern die Nutzung von Elektrofahrzeugen fördern. Denn nur durch die Nutzung entsteht der Nutzen für das Klima. Kostenfreies Laden und der Aufbau der Ladeingfrastruktur wären meiner Meinung nach die bessere Förderung, von der viel mehr Menschen profitieren können. Von der Kaufprämie profitieren nur die, die jetzt ein Auto kaufen können oder wollen. Wer sich später für ein Elektroauto entscheiden will oder muss, der geht leer aus. Von viel, viel mehr Ladestationen profitieren aber alle, heute und in Zukunft.

 

Schlimmer noch der Selbstbetrug mit den Verbrauchs- und Emissionswerten. Kaum einer dieser PlugIn-Hybride verbraucht angeblich mehr als 2 Liter auf 100 km. Glauben die Hersteller wirklich, wir Verbraucher nehmen euch das ab? Ich fühle mich da für dumm verkauft. Doch für die deutsche Klimapolitik sind das wahre Erfolgsgeschichten in Sachen Klimschutz und Senkung des Flottenverbrauches. Der Strom fällt vom Himmel (= Null CO2, obwohl fast die Hälfte unseres Strom aus Kohlekrafterken stammt) und auch Benzin und Diesel wachsen an der Tankstelle. Vorlaufmissionen? Gibt es offiziell nicht. Wir werden für dumm verkauft. Da reibe sich dann in 10 oder 20 Jahren niemand verwundert die Augen, wenn wir so viele saubere Autos auf den Straßen haben und die CO2-Emissionen immer noch nicht runtergehen. Selbst auf meine Anfrage bei ARAL, mit wieviel Gramm CO2 pro Kilometer wohl der AdBlue-Zusatz für Dieselfahrzeuge das Klima belastet, erhalte ich als Antwort: Diese Daten liegen nicht vor. Mit Selbstbetrug kommen wir nicht weiter. Es ist Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen und offen zuzugeben, dass Deutschland weder in Sachen Luftreinhaltung noch in Sachen Elektromobilität so recht vorangekommen ist. In den USA fahren mancherorts mehr Hybrid-Autos durch die Gegend, als bei uns VW Golf. Und es gibt Modelle, die es bei uns gar nicht gibt. Wer kennt schon den Jetta hybrid oder die ganzen Hybridmodelle von Ford? Und wir quälen uns durch Dieselgate, NOx-Grenzwertüberschreitungen und CO2-Lügereien.

 

Ich fahre seit 2008 elektrisch, irgendwie habe ich aber das Gefühl, die Zeit ist stehen geblieben. Es ist Zeit, dass ein Ruck durch Deutschland geht – hat schon Roman Herzog gesagt. Klimaschutz und nachhaltige Mobilität müssen in den Köpfen ankommen, müssen gelebt werden. Ein Beispiel.

 

 

 

Urlaub an der Ostsee, in der Nähe von Wismar. Keine Stromtankstelle weit und breit. Tatsächlich finde ich eine Park and Charge-Ladebox am Trafohaus eines kleinen Windparks, ca. 10 km südlich von Wismar. Öffentlich zugänglich. Doch ich habe keine PnC-Mitgliedschaft. Da trennen mich nun 2mm Stahlblech vom feinsten Ökostrom, den man finden kann und 40 Meter über mir zischen die Rotorblätter durch den blauen Ostseehimmel. Dies ist beispielhaft für die Elektromobilität in Deutschland: Es gibt keinen Masterplan. Barrieren und Diskriminierungen überall.

 

Wie einfach ist es doch, Benzin oder Diesel zu tanken. An die Tankstelle fahren, tanken, mit Bargeld oder EC-Karte bezahlen, fertig. Da stehe ich an der Zapfsäule weder vor Schlössern und kann bequem meine Schulden bezahlen. Da gibt es keine Diskriminierung, weil ich vielleicht kein deutsches Auto mit deutschem Tankanschluss fahre, jeder Kunde ist willkommen. Als Elektroautofahrer in 2017 erlebe ich aber Barrieren und Diskriminierung, obwohl ich doch „die Zukunft“ fahre. So jedenfalls, kann das nicht gehen. Und daher rufe ich allen Verantwortlichen und Entscheidern zu: Macht endlich die Schlösser auf und konzentriert Euch auf das Ziel: Nachhaltige Mobilität in jeder Spielart auf der Basis lokal und regional erzeugter Energie muss für alle zugänglich und möglich sein. Seid mutig und geht voran.

 

Wir sind es unseren Kindern schuldig.

 

(Dieser Beitrag spiegelt die Ansichten und Gedanken des Autors wider.)

 

Autor: julian affeldt

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1 Kommentar

  1. Diese Gedanken – das sei gewiss – spiegeln nicht nur Deine Ansichten dar, lieber Julian. Ich wünschte, es gäbe viel mehr Menschen wie Dich, die so visionär und dann auch noch tatkräftig aktiv werden. Die „Nackenschläge“, die Du verdaust hast und immer dennoch weiter machst, würden eine Kompanie niederstrecken können. In dem Sinne wünsche ich Dir viel Kraft und dass Du den Glauben nicht verlierst. Dinge gehen Menschen wie Dir und mir einfach nicht schnell genug. Wir sind aber von Amtsschimmeln, Besitzstandswahrern, Zauderern, Fördergeldempfängern umgeben. Ohne unsere privaten, gut-gemeinten Initiativen würden wir wieder im Mittelalter versinken. Am Beispiel der schnell voranschreitenden Technik bei E-Fahrzeugen und der Dynamik, die im Ausland damit verbunden ist, und die uns langsam erreicht (Tesla kann man kaufen, alles andere ist praktisch angekündigt) kann man das bestens sehen. Wir haben so viel know-how an das Ausland verloren. Und nun das: Japaner, Chinesen, Amerikaner zeigen der Deutschen Vorzeigeindustrie = Automobilindustrie inzwischen, wo es lang geht und gehen wird. Gute Nacht Deutschland! Oder: Aufwachen!

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