Mein Fazit

Da die letzten Tage eher hektisch und mit Terminen vollgepackt waren, hier nun erst heute meine erste und vorläufige Auswertung der Ladeaktion „30 Tage im April“.

Zunächst: Es hat geklappt! Statt bequem zuhause zu laden, so wie ich das seit Jahren machen kann, nun nur an öffentlichen Ladestationen zu laden – was sonst eher die Ausnahme ist – war schon eine gewisse Umstellung. Aber kein Ding der Unmöglichkeit und auch kein Einschnitt in die täglichen Aktivitäten. Es gab auch keine Einschränkungen. Letztlich muss man sich nur darauf einstellen und immer so ein oder zwei Tage voraus denken und die Lademöglichkeiten nutzen, die einem geboten werden. Dabei gilt: Die Dauer der Aktivitäten, z.B. Einkaufen, Sport oder selbst das „mit dem Hund rausgehen“, für das Laden zu nutzen. Insbesondere gilt das für meinen Wagen, da dieser an Wechselstrom so langsam lädt. Das ist mir hier in der Aktion wieder einmal besonders aufgefallen. In 20 oder 30 Minuten Laden – beim Einkaufen – lädt man hier so wenig, dass es sich kaum lohnt. Mit einer Ladeleistung von gerade mal 3,3 kW fließen da maximal 30 Kilometer Reichweite pro Stunde in den Akku. Das ist mein durchschnittlicher Tagesbedarf – im Sommer! Im Winter erhöht sich ja der Energieverbrauch, u.a. durch Heizung, Winterreifen und verschmutzte Fahrbahn, d.h. man muss mind. das 1,5-Fache an Ladezeit einrechnen. Und da kann ich ganz klar sagen: Das wäre schwieriger gewesen und mit einem E-Auto, das so langsam lädt, eigentlich nicht machbar.

Es ist mir vollkommen unverständlich, warum auch aktuelle Modelle, z.B. der eUP! oder der eGolf, aber auch der neuen Nissan Leaf, die Ladeinfrastruktur, auf die wir in Deutschland zurückgreifen können (Ladesäulen mit 11 oder 22 kW Anschlussleistung), nicht ausnutzen. Dass man mit dem Notladekabel an einer Schukodose nur mit max. 2 kW laden kann, ist klar. Dass die Fahrzeuge aber auch den teuren Ladesäulen mit Typ2-Anschluss meist auch nur mit gerade mal 3,3 kW laden, ist mir schleierhaft. Die Hersteller führen an, dass schnellere Ladegeräte die Fahrzeugpreise zu sehr erhöhen würden und dass die meisten Nutzer sowieso über Nacht zuhause oder tagsüber am Arbeitsplatz laden – da steht ausreichend Zeit zur Verfügung. Stimmt! Dieses Verhalten ändert aber nichts daran, dass ein Elektroauto langsam UND schnell laden können muss. Langsam zuhause, um z.B. teure Installationen zu vermeiden oder die eigene PV-Anlage oder das Mini-BHKW besser ausnutzen zu können. Aber unterwegs muss es schnell gehen. Pro Stunde sollte kein Auto weniger als 100km Reichweite nachladen können. Ich wünsche mir ein Fahrzeug, bei dem ich Ladeleistung zwischen 2 und 22 kW einregeln kann.

Und damit bin ich auch bei meiner zweiten „Forderung“: Die immer mehr um sich greifenden Zeit-Ladetarife gehören umgehend abgeschafft – sofort! Sie sind wenig transparent und berücksichtigen nicht das Ladeverhalten von Elektrofahrzeugen. Zum Glück, das muss ich mal so sagen, mussten wir nur einmal an einer Ladestelle mit Zeit-Tarif laden. Das 2-stündige Laden dort hat mich 6 Euro gekostet und gerade mal 55 km Reichweitengewinn gebracht. Klar, mit einem Auto, das schneller lädt, hätte ich zum gleichen Preis mehr Reichweite erhalten. Aber derzeit wäre es den meisten Nutzern so gegangen, wir mir. Umgerechnet kosten also 100 km Reichweite im Zeittarif der be-emobil-Ladesäulen mehr als 10 Euro! Ich bin im April etwas mehr als 1000 km gefahren, d.h. diese Strecke hätte mich rund 130,- gekostet, wenn ich als Nutzer auf diese Ladesäulen zu 100% angewiesen wäre. Ich hätte zudem stets sehr gut aufpassen müssen, nicht mehr als nötig zu laden, um noch höhere Kosten zu vermeiden. Gerade beim Peugeot iON hätte ich aber noch mehr zahlen müssen, da der iON bestimmte Ladepausen einlegt, an denen die Ladung aktiv weiterläuft, aber so gut wie kein Strom gezogen wird. Diese jeweils 20-minütigen Ladepausen hätte ich ja voll mitbezahlen müssen. Wenn man ein Fahrzeug hat, bei dem regelmäßige Sonderladungen nötig sind, die viel Zeit in Anspruch nehmen, wird das Laden zur Kostenfalle.

Also: Für Fahrzeuge, die so langsam wie der iON laden, oder Sonderladungen benötigen, sind Ladesäulen mit Zeittarif völlig ungeeignet und eignen sich eher, die Menschen von der Elektromobilität fernzuhalten. Für 100,- kann ich mit einem sparsamen Verbrenner, z.B. einem Hybrid-Fahrzeug, locker 75 Liter Benzin tanken und damit 1800 km weit fahren. Und im Winter, wenn der Stromverbrauch im E-Auto systembedingt um 30-50% ansteigt, wird das Kosten-Nutzen-Verhältnis noch schlechter. Da bleibt von den viel beschworenen geringen Betriebskosten eines E-Autos nichts, aber auch gar nicht mehr übrig. Dazu sind die be-emobil-Ladesäulen der Stadt Berlin im Stadtbild kaum auszumachen, anstatt diese attraktiv zu gestalten und damit z.B. Werbung für die Elektromobilität zu machen. Die Bedienung ist eher umständlich und das Handling (RFID-Spot straßenseitig) auch nicht gerade Nutzer-freundlich – vor allem im Winter! Geht nicht – Ende.

Meine dritte Forderung: Es braucht Ladestellen überall dort, wo man sein Auto für mind. 30 Minuten parkt. Die Ladesäule irgendwo an der Straße nützt nichts. Sie ist sowieso viel zu oft zugeparkt, als dass man sich wirklich darauf verlassen kann. Nein, Ladesäulen gehören an Einkaufsmärkte, Großparkplätze, Baumärkte, Park&Ride-Plätze, Freizeitstätten usw. Dort, wo mein Auto parkt, muss es auch geladen werden können. Nur so kostet das Laden keine zusätzliche Zeit im Alltag, wenn man eben keine eigene Ladestation zuhause hat. Wer fährt schon für 2 Stunden zum Laden?

Etwas anders sehe ich das bei den Schnellladestationen, von denen es ja auch in und um Berlin schon ein paar gibt – leider nicht immer an sinnvollen Stellen und nicht immer für alle Anschlusstypen. Mein Vorschlag: An jede herkömmliche Tankstelle gehört eine Schnellladestation. So sieht das schon mal jeder, der noch „tanken“ muss. Die Elektromobilität wird sichtbar. Und: 5 Minuten laden sind kostenlos. 5 Minuten an einer Schnellladestation reichen für den durchschnittlichen Tagesbedarf an Fahrstrom. Wer länger oder mehr laden will, zahlt einen fairen Preis dafür. Nicht nach Zeit, sondern nach wirklich geladenen kWh. Davon profitieren alle. Wenn wir das in Deutschland an jeder dritten Tankstelle hinbekommen würden, hätten wir ein Ladenetz, dass so dicht wäre, wie für Autogas. Ich bin jahrelang mit Autogas gefahren und kann daher sagen: Das reicht locker! Die Tankstellen gibt es ja sowieso, die Gefahr von blockierten Ladestellen ist viel geringer (weil man hier nicht parkt, sondern nur zum Laden hält), der Tankstellenshop profitiert davon (Kaffee, Zeitung…), man steht auch im Winter nicht draußen im Kalten, usw. Jede dritte Tankstelle, alle 50 km entlang der Autobahnen und in jedem Ort größeren Ort mind. eine davon. DAS brauchen wir! Deutschland hat mehr als 200 Milliarden in die Atomkraft subventioniert, 3000 bis 4000 Schnellladestationen sollten wir nun wirklich schaffen. Da reden wir über 200 Millionen Euro – ein Witz dagegen.

So, zum Schluss noch ein paar Zahlen:

· Gefahren im April: 1055 km

· Durchschnittsverbrauch auf dieser Strecke: 13,2 kWh / 100 km (beinhaltet den Fahrstrom und die Ladeverluste in Höhe von 20%)

· Gesamtstromverbrauch: 140 kWh

· Durchschnittliche Strecke pro Tag: 35 km

· Durchschnittlicher Strombedarf pro Tag: 4,7 kWh

· Durchschnittlicher Ladezeitbedarf pro Tag: 1 Stunde 20 Minuten

Bei Nutzung von 100% Vattenfall-Ladesäulen: 42 Euro (keine Grundgebühr)

Bei Nutzung von 100% RWE-Ladesäulen: 42 Euro zzgl. 4,95 Grundgebühr

Bei Nutzung von 100% be-emobil-Ladesäulen: 130 Euro,-

Gemäß meinen Aufzeichnungen entstand folgende Kostenaufteilung:

· Vattenfall: 34,- (Im Rahmen der Aktion wurden die Kosten erlassen)

· RWE: 4,95 (Grundgebühr; im Rahmen der Aktion wurde die Kosten komplett erlassen)

· be-emobil: 6,- (Allego hat sich nicht an der Aktion beteiligt; auch über TNM war kein Erlass dieser Kosten möglich)

· TNM: 2,- (im Rahmen der Aktion wurden die Kosten erlassen)

Mein Fazit: Geht! Und gar nicht so schlecht. Aber: Die Kosten für das rein öffentliche Laden sind z.T. völlig übertrieben und machen die Nutzung eines E-Autos unwirtschaftlich und schrecken ab. Wir brauchen mehr Ladestationen an optimal Standorten. Wir brauchen eine klare Regelung, um blockierende Fahrzeuge umgehend abschleppen lassen zu können. Wir brauchen eine Vereinheitlichung der Abrechnung und des Handlings. Eine Karte für alle kostenpflichtigen Ladestationen. Wir brauchen faire und transparente Tarife. Wir brauchen Fahrzeuge, die optimal an die Ladeinfrastruktur angepasst sind – Schluss mit Schnarchladern! Wir brauchen eine Förderung der Infrastruktur und der Nutzung. Ich lehne Kaufprämien ab. Wir brauchen den Mut und vor allem den gemeinsamen Willen, dies alles umzusetzen. Jetzt und sofort!

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