War da nicht was? Die VCD-Umweltliste nach dem Diesel-Gate…

Ich erinnere mich noch gut an unseren langanhaltenden Disput mit dem VCD um die Aufnahme von Elektrofahrzeugen in die normalen Listen der VCD-Umweltliste. Gebracht haben all die Gespräche und Mails nichts, der VCD blieb hart: Elektroautos könne man aufgrund der nicht eindeutigen Datenbasis nicht in die einzelnen Listen aufnehmen. Was wurden da für Argumente hervorgeholt:

  • Elektroautos seien nicht oder kaum alltagstauglich
  • Elektroautos müssten eine Mindestreichweite erzielen (was auch immer das sein soll; gleichzeitig wird ein maximaler Verbrauch von den Verbrennern aber nicht eingefordert)
  • Daten zum Verbrauch und zur Reichweite seien nur Anhaltspunkte (welche ein Unsinn, werden Elektroautos nach dem gleichen Verfahren wie Verbrenner getestet)
  • Der Energieverbrauch zur Herstellung der Akkus beeinflusse die Ökobilanz stark negativ (als ob Hybridautos, seit Jahren Spitzenreiter der Listen, über keine Akkus verfügen und die Herstellung der verbauten Verbrennungsmotoren keine negativen Umweltauswirkungen haben)

Zitat aus der VCD-Webseite (Quelle: https://www.vcd.org/themen/auto-umwelt/vcd-auto-umweltliste/top-ten-20152016/): „Aus methodischen Gründen, wegen der noch unsicheren Datenlage, den im Vergleich zu Verbrennern noch unzuverlässigeren Emissionsdaten wird darauf verzichtet, E-Autos und Verbrenner in einer Liste nach dem gleichen Verfahren zu bewerten. In einem ersten Schritt werden E-Autos nach dem Stromverbrauch gerankt.“

Tja, wir haben nun Juni 2016 und blicken heute zurück auf den wohl schlimmsten,  umfassendsten und weitreichendsten Abgas-Skandal in der Geschichte der Automobilindustrie. Heute wissen wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass zumindest ein weltweit agierender, deutscher Hersteller massiv bei der Abgasreinigung seiner Diesel-PKW betrogen hat, dass dessen Dieselfahrzeuge in Größenordnungen mehr Abgase emittieren, als angegeben. Wir lesen von 5 oder gar 10fachen Überschreitungen der Grenzwerte. Wir lesen von Abschaltvorrichtungen und Temperaturfenstern, außerhalb derer die Abgasreinigung z.T. völlig wirkungslos ist. Wir lesen von Abweichungen bei den CO2-Emissionen. Wir lesen von betrogenen und belogenen Käufern, die im guten Glauben, ein „sauberes“ Auto zu kaufen, nun auf echten Dreckschleudern sitzen und die sie wahrscheinlich nur noch zum Schrottwert verkaufen können. Wer will schon so ein Auto kaufen, bei dem man nicht weiß, ob es morgen noch fahren darf?

Und nicht nur dieser eine Hersteller steht am Pranger, auch andere und es werden monatlich mehr. Kaum zu fassen, dass ein smart cdi mehr Stickoxide emittiert, als ein 28 Tonnen LKW, und als umweltfreundlicher Cityflitzer verkauft wird. Unfassbar, was uns Menschen hier zugemutet wird. Unfassbar welche Lügen den Käufern präsentiert wurden und z.T. noch werden. Mir ist es schleierhaft, wie man als  Vorstand eines solchen Unternehmens mit ruhigen Gewissen abends in Bett gehen kann.

Zurück zur VCD-Umweltliste. Schauen wir zurück, finden wir auf den vorderen Listenplätzen auch immer wieder genau die Fahrzeuge und Hersteller, die heute am Pranger stehen. In der 2014/2015er-Liste schaffte es z.B. der Opel Zafira Tourer 1.6 CDTI ecoflex auf Platz 4 der 7-Sitzer. Ein Auto, von dem wir heute ebenfalls sehr stark annehmen müssen, dass es die Grenzwerte um das Vielfache überschreitet und dessen Abgasreinigung nur in einem engen Temperaturfenster überhaupt aktiv ist. Mit anderen Worten: Ein Auto, das zu über 80% der Jahresstunden OHNE aktive Abgasreinigung unterwegs ist. Unfassbar. Und legal soll das nun auch noch sein. „Schutz des Motors“ ist das Zauberwort. Doch wer muss mehr geschützt werden? Der Menschen oder der Motor? Auch andere Hersteller, die heute in der Kritik stehen, sind in den Listen mit ihren super sauberen EURO-5/6-Dieseln reihenweise vertreten: VW, Opel, FIAT, BMW usw.

Ausschnitt VCD-Umweltliste 2014/2015

Doch wie kommen all diese doch so sauberen Diesel-Euro6-PKW in die Umweltlisten? Hat der VCD blind den Werbeaussagen und technischen Beschreibungen der Hersteller Glauben geschenkt? Diese Vermutung drängt sich auf. Ich habe zumindest nie davon gelesen, dass der VCD eigene Abgasmessungen vorgenommen hätte.

Und somit fällt das methodische Kartenhaus des VCD in sich zusammen. Denn wie hieß es doch gleich: „Aus methodischen Gründen, wegen der noch unsicheren Datenlage, den im Vergleich zu Verbrennern noch unzuverlässigeren Emissionsdaten wird darauf verzichtet, E-Autos und Verbrenner in einer Liste nach dem gleichen Verfahren zu bewerten“. Unzuverlässige Emissionsdaten bei Verbrennern? Wenn der VCD schon von unzuverlässigen Emissionsdaten bei Verbrennern ausgeht, wie kann man sich dann auf die Herstellerangaben verlassen und ein Ranking damit erstellen? Der VCD hat sich bei den Verbrennern blind darauf verlassen, doch bei den Elektroautos – warum auch immer – mit einem anderen Maß gemessen.

Wir haben den VCD schon vor Monaten darum gebeten, alle alten Umweltlisten für teilweise oder vollständig unzuverlässig und/oder teilweise als ungültig zu erklären. Wir wissen heute, dass dort Autos als Saubermänner aufgeführt sind, die das definitiv nicht sind. Die sogar zu den schlimmsten Dreckschleudern zählen. Letztlich können wir keiner einzigen Aussage trauen.  Besonders schlimm stelle ich mir es vor, wenn jemand aufgrund der Empfehlungen des VCD ein Auto gekauft hat und heute erfahren muss, was wirklich aus dem Auspuff kommt.

Und jetzt? Nein, es geht mir nicht um den Triumph der Elektromobilität, ganz und gar nicht. Davon will ich nicht sprechen! Mir geht es darum, dass der VCD anerkennen sollte, dass sein methodisches Vorgehen bei den Verbrennern zumindest teilweise falsch war und dass nur Fahrzeuge in eine solche neue Liste gehören, zu denen aktuelle und realistische Abgasmessungen durchgeführt wurden und die die Grenzwerte in jeder Fahrsituation einhalten. Hierzu gehören alle Fahrzeuge, die mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet sind, seien es Diesel, Benziner, Autogas, Erdgas, Hybride usw. Deren Emissionsverhalten müssen auf der Straße getestet werden, sonst haben sie in einer neuen Umweltliste, die ihren Namen verdient, nichts zu suchen.

Und das Elektroauto und die PlugIn-Hybriden? Auch diese müssen sich natürlich den neuen Testverfahren stellen, keine Frage. Wie groß ist deren Strom- und Kraftstoffverbrauch auf der Straße? Welcher Zusatzverbrauch und welche zusätzlichen Emissionen entsteht im Winter, wenn geheizt werden muss? Vertrauen in eine neue Technik schaffen keine Prospektwerte, sondern zuverlässige Tests, an denen sich die Käufer orientieren können. Eins können wir heute schon sagen: Elektrofahrzeuge werden mit immer weniger Emissionen unterwegs sein, schon heute stammen mehr als 30% unseres Stroms aus sauberen Quellen und dieser Wert wird weiter steigen. Dabei nimmt das E-Auto anderen Verbrauchern keinen Ökostrom weg, denn es ersetzt fossile Energieträger. Auch das ist eine Mär, von der sich der VCD distanzieren sollte. Mehr Ökostrom lässt sich fördern, sauberes Öl nicht.

Ein neuer methodischer Ansatz wäre eine Vereinheitlichung auf Angabe des Energieverbrauches pro Kilometer, denn mit diesem Ansatz kann man die Emissionen und die Effizienz von Antrieben, Kraftstoffen und anderen Energiequelle recht gut vergleichen. Die Emissionswerte pro verbrauchter Kilowattstunde je nach Energiequelle (Benzin, Strom, Gas …) sind sehr gut erforscht und bekannt (u.a. GEMNIS-Datenbank). Direkte und indirekte Emissionsfaktoren lassen sich damit bestimmen und führen zu vergleichbaren Werten.

Fazit: Hätte der VCD den Werbeaussagen der Diesel-PKW-Hersteller soviel Misstrauen entgegen gebracht, wie er es dem Elektroauto gegenüber getan hat (und vlt. immer noch tut), wäre der Skandal vielleicht früher aufgeflogen und vielleicht wären tausende an Diesel-Dreckschleudern nicht auf die Straße gekommen. Mal abgesehen davon, dass die Deutsche Umwelthilfe schon seit 2007 auf die Thematik aufmerksam gemacht hat.

Hat der VCD also indirekt der Umwelt geschadet? Soweit will ich auf keinen Fall gehen, da in den Listen auch andere als die benannten Diesel-Dreckschleudern vorkommen. Schuld tragen vor allem die Hersteller, das steht außer Zweifel. Geholfen hat das blinde Vertrauen des VCD in die Werbeaussagen der Hersteller jedoch eher nicht. Und das Misstrauen gegenüber der Elektromobilität ist ebenso unangebracht, sonst hätte ein Toyota Prius wohl kaum jahrelang und immer wieder die Listen angeführt.

Nun, auf die nächste VCD-Umweltliste bin ich zumindest sehr gespannt. Ich gehe jetzt erstmal tanken und zwar an meiner Steckdose.

Autor: J. Affeldt (Kleinmachnow), im Juni 2016

(Dieser Beitrag spiegelt ausschließlich die private Meinung des Autors wieder.)

 

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