Stromtanken in Berlin ist und bleibt Wucher

Vor Kurzem hatten wir zwei Mitarbeiter der AutoBild bei uns in Berlin zu Besuch. Anlass war u.a. unsere nach wie vor massive Kritik an den Preisen, der Tarifstruktur und der nicht vorhandenen Preis- und Kostentransparenz beim Laden an den be emobil-Ladesäulen in der „Hauptstadt der Elektromobilität“. Wie berichtet, benötigt man für ein Verständnis der Preisstruktur fast schon ein Hochschulstudium der Betriebswirtschaft und der Elektrotechnik. Während man beim Benzin- oder Diesel-Tanken einfach nur Literpreis * Menge rechnen muss (und dazu die getankte Menge und die aktuellen Kosten stets aktuell an der Zapfsäule auch angezeigt bekommt – vlt. hat man ja nur 20,- in der Tasche), erfährt man beim Laden an den be emobil-Ladesäulen erst Tage oder Wochen später den tatsächlichen Preis fürs Strom-Tanken, wenn die Rechnung ins Haus kommt. Eine Vorab-Berechnung des Ladepreises ist nicht möglich, zu viele Parameter beeinflussen die Geschwindigkeit des Ladens; weder App noch Säule informieren den ladenden E-Auto-Fahrer beim Laden über die aufgelaufenen Kosten. Transparenz sieht anders aus.

Und das sieht auch die AutoBild so und hat verglichen: Was kostet es, in Berlin für 100 km mit einem handelsüblichen eGolf Strom zu laden (ca. 16 kWh)? Die Antwort? Kommt darauf an, u.a. an welcher Ladestation man lädt. Und so hat die AutoBild mit uns gemeinsam den Test gemacht und nachgerechnet. Je nach Station kostet der Strom für 100 km mal €19,80, mal €11,55 oder – zuhause – keine 5 Euro. Wer also öffentlich lädt oder laden muss, z.B. Touristen oder Mieter, zahlt ordentlich drauf und spürbar mehr, als die benötigte Menge an Benzin für einen vergleichbare Golf mit Otto-Motor kosten würde.

Und erneut hat die Berliner Verwaltung sogleich eine neue Erklärung für den Zeittarif parat. Diesmal heißt es, dass nur durch den Zeittarif das Zuparken der Ladesäulen verhindert werden kann. Doch was ist damit gemeint? Das Zuparken durch nicht-ladende Verbrenner (was täglich beobachtet werden kann)? Oder das Zuparken bzw. Blockieren durch nicht (mehr) ladende andere E-Autos? Gibt es dafür nicht intelligentere Lösungen, z.B. das Umschalten auf einen Parktarif, sobald die Ladung durch das Fahrzeug beendet wurde? Dieser kann dann gerne saftig ausfallen, um den Nutzer zum baldigen Umparken zu bewegen. Gerne, damit haben wir kein Problem. Aber das Grundproblem wird damit nicht behoben: Laden in Berlin ist wohl was für „Besserverdienende“, die sich das leisten können, die Tarifstruktur in viel zu kompliziert und das Ganze völlig intransparent. Wer sich aber einen gebrauchten E-Wagen zulegt und öffentlich laden muss wird nach wie vor betraft. SO fördert man Elektromobilität ganz sicher nicht. Immer hin: Der 15- Minuten-Takt soll nun bald abgeschafft werden. Ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung und die heißt: Abrechnung nach tatsächlich geladenen Kilowattstunden. Basta.

Nach wie vor läuft unsere Petition gegen das Berliner Abrechnungsmodell: https://www.change.org/p/bürgermeister-michael-müller-für-ein-faires-tarifmodell-an-berliner-ladesäulen

Der vollständige Bericht der AutoBild wird am 03. März veröffentlicht, den Vorbericht finden Sie hier: http://www.automobilwoche.de/article/20170302/AGENTURMELDUNGEN/303029966/1279/wucher-an-der-ladesaeule-strom-teurer-als-benzin

Autor: Julian Affeldt

Advertisements

2 Kommentare

  1. Mancher, der 3-phasig sein E-Auto lädt, wird meinen ersten Beitrag mit Unverständnis gelesen haben, da er für den Nachttarif immer 12,24 € bzw. 12,25 € bezahlen muss. Wen dies stört, sollte sich die Frage stellen, ob er seine Batterie in der Nacht von 20:00 Uhr bis max. 08:00 Uhr nicht auch 1-phasig vollgeladen bekommen würde?

    Für die meisten derzeitig genutzten Elektroautos sollte dies möglich sein. Die Kostenn pro Ladevorgang würden sich dann auf 9,20 € bzw. 9,21 € pro Ladevorgang reduzieren.

    Sofern dies der Fall ist, stellt sich die Frage, ob sich der Kauf eines 1-phasigen Ladekabels mit Typ 2-Kupplung und Typ2-Stecker finanziell lohnt? Ggf. befindet sich selbiges noch im Bestand bzw. man kann ein vorhandenes Kabel umrüsten (lassen). Da ich ausschließlich 1-phasig lade, fehlen mir die Erfahrungen. Auf jeden Fall werden solche Kabel angeboten.

    Ich kann natürlich keine Garantie dafür geben, dass die zuständige Senatsverwaltung den Nachttarif in der nächsten Zeit unverändert lässt. Auch habe ich keine Erklärung, warum im Dezember 2016 und Anfang Januar 2017 ein höherer Preis verlangt wurde.

    Vielleicht könnte sich ein Elektrofahrer, dessen Elektroauto 3-phasig nachts an einer Berliner Ladesäule aufgeladen wird, zu diesen Überlegungen äußern.

    Prius57

  2. Hallo Julian,

    warum versuchst du dich beim Berliner Modell am komplizierten Tagtarif. Seit Monaten gibt es doch den „viel einfacheren“ Nachttarif für den Zeitraum von 20:00 Uhr bis 08:00 Uhr.

    Die ersten zwei Stunden kostet der Drehstrom (11kW) und der Wechselstrom (3,7kW) das Gleiche. Die nächsten zwei Stunden bezahlt man für Wechselstrom weniger als für Drehstrom. Für den weiteren Strom in der Nacht (bis 08:00 Uhr) muss man dann nichts zahlen. Nur durch diese Option rechnet sich der Anschluss, wenn man die zwei Einzelfahrkarten der BVG gegenrechnet.

    Jetzt war meine Annahme, wenn ich in der Nacht immer die gleiche Ladekarte verwende, immer an der gleichen Ladesäule mit dem gleichen Auto und dem gleichen Ladekabel lade, dann müsste beim Laden mit Wechselstrom über mehr als 4 Stunden immer der gleiche Preis heraus kommen – weit gefehlt.

    Im November habe ich 9,20 € bzw. 9,21 € (beim zweiten Laden im Monat wird ein Cent mehr berechnet), im Dezember 10,20 €, Anfang Januar 9,54 € und Ende Januar wieder 9,20 € bezahlt.

    Ich bin schon gespannt, was das Laden im Februar gekostet hat.

    Man sieht unschwer, auch der einfachere Nachttarif ist beim Berliner Modell ein Rätsel.

    Viel Spaß beim Entschlüsseln des Preises

    Prius57

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s