Und täglich grüßt das Murmeltier…

Wir haben ja schon mehrfach darüber geschrieben: Kohlestrom. Ach, immer wieder…Kohlestrom. Dieses Mysterium ist wohl nicht auszurotten: Da wir in Deutschland noch recht viel Strom aus Kohle erzeugen, wird davon auch viel im Elektroauto landen und so wird das Elektroauto zum Schmutzfinken ohne Auspuff. Schlimmer noch: Schmutziger als ein Verbrenner.

Zuletzt mussten wir solche Äußerungen auch vom Ökoinstitut lesen. In einem Interview sagte Dr. Bulach dieser Tage wie folgt:

Dass in Deutschland noch (viel zu viel) Kohlestrom im Strommix vorhanden ist, ist klar. Warum nun genau dieser Strom (Strommix) für Elektroautos genutzt wird, ist gar nicht klar. Ich kenne z.B. keine einzige öffentliche Stromtankstelle in Berlin, die NICHT durch einen Ökostromanbieter beliefert wird. Bilanziell lädt man dort Ökostrom. Und sicher nutzt auch die Mehrheit der Elektrofahrer Ökostrom und produziert vlt. sogar eigenen Solarstrom.

Auf der technisch-physikalischen Seite laden Elektroautos dort natürlich keinen reinen Ökostrom. Aus welchem Kraftwerk oder von welchem Erzeuger der vor Ort geladenen Strom nun gerade kommt, ist gar nicht so einfach nachzuvollziehen. Das kann reiner Kohlestrom sein, genauso gut aber auch 100% Windstrom. Oder eben ein Mix. Nehmen wir aber mal für einen Moment an, der vor Ort an einer Ladestaton geladenen Strom stamme tatsächlich zu 100% aus einem Kohlekraftwerk. Was bedeutet dieses „Horrorszenario“ für die CO2-Bilanz eines Elektroautos nun wirklich?

Pro erzeugter Kilowattstunde aus einem Kohlekraftwerke liest man Zahlen zwischen 820 g CO2 (IPCC, 2014) und 1140 g CO2 (http://www.volker-quaschning.de/datserv/CO2-spez/index.php), je nach Art der Kohle und Herkunft. Nehmen wir als Durchschnitt nun 1000 g CO2 pro kWh an. Auch beim Öl und Gas gibt es Varianzen, vor allem je nach Herkunft und Transportweg (siehe unten).

Als Referenzfahrzeug nehmen wir ein Elektroauto mittlerer Größe und gehen von einem Stromverbrauch von 15 kWh/100 km aus. Diesen Wert nehmen wir als Durchschnittswert (Sommer/Winter) inkl. Ladeverluste an.

Für eine Strecke von 100 km werden also bei der Nutzung von Kohlestrom rund 15 kg CO2 freigesetzt, pro Kilometer sind das 150 Gramm. Hört sich erstmal viel an. Nun übertragen wir diesen Wert auf Fahrzeuge mit Otto- bzw. Dieselmotor.

Zuerst müssen wir von den 150 Gramm den Betrag der Vorkette abziehen, denn Benzin- und Dieselkraftstoff wachsen nicht aus Luft und Liebe an der Tankstelle. Kraftstoffe basieren auf Öl, welches gefördert, transportiert, verarbeitet und erneut transportiert, gelagert und schließlich mit Pumpen aus den Tanks an der Tankstelle in den Kraftstofftank des Autos gepumpt werden muss. Auf diesem Weg wird überall Energie benötigt. Am Bohrloch, in den Pumpen der Pilelines, ggf. durch die Tankschiffe, in den Raffinerien (nicht zu knapp!), in den Tanklastern und natürlich an den Tankstellen. Die mir vorliegenden Zahlen dazu (u.a. aus der GEMNIS-Datenbank) listen 15% als Vorkettenaufwand. Diese 15% ziehen wir von den 150 Gramm ab, da diese ja bereits in der Atmosphäre angekommen sind, bevor der Kraftstoff im Auto verbrannt wird. Bleiben 127,5 Gramm CO2, die jetzt noch aus dem Auspuff kommen dürfen.

Pro Liter Benzin werden 2,33 kg, pro Liter Diesel 2,6 kg CO2 frei. Daraus errechnen sich:

5,47 Liter Ottokraftstoff und 4,9 Liter Dieselkraftstoff.

Verbraucht Ihr Fahrzeug so wenig? Falls nicht, erzeugt es mehr CO2 pro km als ein Elektroauto mit 100% Kohlestrom.

Nur ein Beispiel: Für den VW Golf, BJ 2015-2017, zeigt spritmonitor.de einen Durchschnittswert von 7,7 (Benzin)/6,3 (Diesel) Litern. Dies entspricht also bereits 163 bzw. 164 Gramm CO2 pro km zzgl Vorkette (187,5 bzw. 188,5 g CO2 pro km). Um solche Werte mit Kohlestrom zu erreichen, dürfte das Referenz-Elektroauto sogar fast 19 kWh Strom verbrauchen, also fast 25% mehr!

Was bleibt?

Abgesehen davon, dass so gut wie nie reiner Kohlestrom an den Ladestellen ankommt, steht das E-Auto auch mit 100% Kohlestrom auf keinen Fall schlechter dar, als der Verbrenner.

P.S. In diesem Moment (Donnerstag Abend, 20 Uhr 15) entstehen in Deutschland pro kWh 424 Gramm CO2. Nicht schön, aber viel besser als 1000 Gramm pro kWh. Ein Verbrennerfahrzeug dürfte nun nur noch 2,7 bzw. 2,4 Liter verbrauchen.

P.S. 2: Das Ökoinstitut hat seine Aussage inzwischen wie folgt detailliert:

 

 

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2 Kommentare zu „Und täglich grüßt das Murmeltier…

Gib deinen ab

  1. Zwei Dinge habe ich zu beanstanden:

    Sind deine 1000 g CO2 pro kWh bei Kohlekraftwerken rein bezogen auf die Emissionen bei der Verfeuerung, oder ist das bezogen auf die gesamte Kette der Energiegewinnung? Also Förderung der Kohle, Transport der Kohle, etc…
    Sonst käme das nämlich noch hinzu, analog zu deinen Ausführungen bei Benzin.

    Außerdem darfst du bei deinen Berechnungen nicht vergessen, dass die Energie im Auto ja auch gespeichert werden muss, in der Batterie. Diese braucht bei der Herstellung auch Energie und Rohstoffe und ist immerhin ein Verschleißgegenstand. Kann sein, dass das vernachlässigbar gering ist, sollte man aber mal zur Vergewisserung durchrechnen.

    Ansonsten schöner Artikel. 🙂

    1. Hallo Frank und vielen Dank für Deinen Kommentar, auf den ich kurz eingehen will. Du hast in beiden Punkten Recht, sowohl die Vorkette der „Kohlestromproduktion“ als auch der Herstellungsprogrzess des Akkus müssen berücksichtigt werden („graue Energie“, „CO2-Rocksack“), wenn man über die Gesamtbilanz eines E-Fahrzeuges spricht. Dies war hier nicht mein primäres Ziel, es ging mir hier (!) um die CO2-Emissionen beim Fahren/Laden mit Kohlestrom.

      Die Vorkette beim Benzin/Diesel beträgt nach offiziellen Quellen 15-16%; neulich laß ich, dass BP von 7 kWh pro Liter spricht. Andere sprechen von 7 kWh pro Gallone; ich bleibe bei den 15%. Diese Vorkette wird in so gut wie keiner Aussage zu den CO2-Emissionen eines Verbrenners erwähnt, weil man diese Emissionen der Energiewirtschaft und dem Transportwesen zuschlägt. Die Vorkettenemissionen der Kohlestromproduktion müsste man nach dieser Lesart ebenfalls der Energiewirtschaft zuschlagen und nicht dem Auto. Konkrete Zahlen liegen mir dazu nicht vor. Im Fall der heimischen Kohleproduktion sind das Emissionen aus dem Berg- bzw. Tagebau. Mehr nicht, denn die geförderte Kohle wird dann direkt zum Kraftwerk transortiert (in der Lausitz mit elektrisch betriebenen Förderbändern) und dann im Kraftwerk verfeuert. Kraftwerke haben einen Eigenstrom verbraucht, u.a. für Pumpen und die Rauchgasreinigung; dieser liegt bei 4-10%; bei Kernkraftwerken bis 16%. Diese Werte sind in den genannten Werten bereits enthalten. Dazu kommen die Verbräuche für die Abraum- und die eigentlichen Kohlebagger. Im Vergleich zur Vorkette bei Öl, das ja u.a. in einer Raffinerie noch verarbeitet werden muss, ist diese Vorkette gering und wird sich um unteren 1-stelligen Bereich liegen. Ich frage aber beim UBA mal nach, ob es dazu konkrete Werte gibt.

      Zum Akku: Dessen graue Enerigie muss ebenfalls berücksichtigt werden und hier kommt man bei einer Renault ZOE z.B. auf BIS ZU 8 t CO2 für den Akku. Wohlbemerkt: bis zu, denn die Zahlen variieren stark (von 75 bis 200 kg CO2 pro kWh-Akkukapazität). Diese Werte muss man aber nun der grauen Energie gegenüberstellen, die die Produktion und die Ersatzteile und Ersatzstoffe erzeugen, die spezifisch für einen Verbrenner sind (Tank, Auspuff, Abgasanlage, Getriebe usw usw). Zudem, wie gesagt, muss man die gesamten Emissionen der Kraftstoffe betrachten. In der Gesamtschau verbleibt eine (noch) negative Bilanz des E-Autos nach Produktion; ich schätze diese nach den mir vorliegenden Informationen auf ca. 50%; d.h. die ZOE wird mit einem CO2-Rucksack von ca. 4 Tonnen ausgeliefert. Diesen Rucksack muss sie nun abarbeiten und dies gelingt durch die Einsparung an CO2 im Betrieb. Je sauberer der Strom, desto schneller gelingt dies.

      Die CO2-Emissionen pro kWh betragen in D im Durchschnitt 480 g, Tendenz fallend; je nach Region kann man schon fast CO2-frei laden (z.B. in unserem Landkreis liegen wir bei 96% EE; Potsdam-Mittelmark, Brandenburg). Durch einen Ökostromvertrag lade ich nicht automatisch sauberen Strom, trage aber zur positiven Entwicklung bei. Durch 4-6 Solarmodule kann ich bereits die Strommenge erzeugen, die man für 10.000km/a benötigt; natürlich nicht zeitgleich, als in der Bilanz (auch ein Kohlekraftwerk kann mich nicht zeitgleich zu 100% versorgen). Durch Effizienzmaßnahmen kann ich meinen Energieverbrauch senken, vor allem im Bereich Lebensmittel und Konsum. Und ich kann die CO2-Emissionen der Fhz.-Produktion kompensieren, z.B. via http://www.atmosfair.de

      Ich kann also viel tun und die Produktion wird sicher Stück für Stück sauberer.

      Eins noch: e-Autos werden noch viele Jahre zT mit dreckigem Strom produziert und geladen; aber die ersten Solarmodule und Windräder hatten auch noch keine perfekte Ökobilanz. Aber deswegen heute NICHT in die Elektromobilität einzusteigen, würde gar nichts in Bewegung bringen. Und darauf kommt es an.

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