Wenn E-Mobilisten untereinander diskutieren, kann man erkennen, wo es bei der E-Mobilität noch hakt.

Die E-Mobilisten bilden momentan noch so etwas wie eine Gemeinschaft. Vergleichbar vielleicht mit den Gemeinschaften von Fahrern bestimmter Auto-Typen. Dabei sind die meisten bestimmt keine Mitläufer sondern mindestens Individualisten.

Meine Frau nennt uns liebevoll Kloppies. 🙂

So kommt es, dass zwar bezüglich des technologischen Wettbewerbs mit „den Verbrennern“ und dem Blick auf die Zukunft der Mobilität weitestgehend Einigkeit herrscht. Doch es gibt auch Themen an denen wir uns aufreiben und kontrovers
diskutieren. Da ist z.B. die Frage nach der besten Ausgestaltung von Bezahlsystemen an öffentlichen Ladesäulen oder die Frage nach der besten Ausgestaltung von Ladepunkten bei Anbietern, die das E-Auto-Laden als zusätzlichen  Kundenservice anbieten möchten, wie z.B. Hotels, Pensionen und Restaurants.

In den letzten Tagen diskutierten wir beides lebhaft.

Dabei hab ich durchaus Parallelen zwischen den Themen entdeckt. Die einen favorisieren eine Lösung, die möglichst viele Kunden zufrieden stellt aber für den Anbieter teuer ist, womöglich zu teuer. Nennen wir das mal die 100%-Lösung.
Die anderen favorisieren eine Lösung, die möglichst einfach umzusetzen ist, jedoch nur für den weitaus größten Teil der Anwendungsfälle zufriedenstellend funktioniert. Nennen wir das mal die 80%-Lösung.

Kommen wir zur Problematik des Bezahlens an öffentlichen Ladesäulen. Will man mal den Umkreis der heimischen Steckdose verlassen muss man sich unweigerlich damit herum schlagen. Das nutzergepflegte Ladesäulenverzeichnis goingelectric
listet inzwischen ganz erfreuliche 30.714 Ladepunkte in Deutschland auf. Jedoch auch eine dreistellige Zahl Anbieter. Und an welchem Ladepunkt man mit einem gängigen Zahlungsmittel bezahlen kann, weiß auch das Verzeichnis nicht.
Immerhin gibt es das Merkmal „barrierefrei“. Das heißt, man braucht sich nicht Tage vorher irgendwo anmelden um Laden zu können, sondern kann einfach hinfahren und Laden. Tatsächlich? Und wie bezahlt man dann? Bei den wenigsten kommt
man mit einem gängigen Zahlungsmittel wie Bargeld, Girocard oder Kreditkarte weiter. Warum nicht? Schließlich hat das jeder und ich kann damit auch Dinge in ähnlichen Größenordnungen kaufen wie etwa Fahrscheine, Zigaretten oder
Parktickets. Das wäre doch aus Kundensicht die einfachste und beste Lösung oder? So war jedenfalls meine Sicht auf die Dinge.

Aber erstens gehen die Meinungen da stark auseinander. Für die einen stellt es eine Barriere dar, wenn sie eine App herunterladen müssen, für die anderen, wenn sie Bargeld dabei haben müssen. Das wurde sogar vor Jahren schon im Forum
von goingelectric diskutiert. Als zweites kommt hinzu, das auch Bezahlsysteme dem Anbieter Investitionen und Betriebskosten abverlagen. Und diese
Kosten stehen z.B. bei den drei genannten Bezahlsystemen in so einem Missverhältnis zum erzielbaren Umsatz beim öffentlichem Laden, dass die Anbieter diese Systeme nicht wollen. Die Anbieter wählen lieber die 80%-Lösung und setzen auf Systeme wie eigene RFID-Karten, Smartphone-Apps, paypal, Bezahl-SMS und mehr. Jedes geeignet zumindest einen Teil der Kundschaft zu verschrecken. Aber an dieser Stelle geht es ganz marktwirtschaftlich zu. Man nimmt lieber 80% des möglichen Geschäfts für geringe Kosten statt 100% für ein Vielfaches des Kosten.
Was die Ladesäulenverordnung der Bundesregierung dazu sagt und warum die nicht weniger kontrovers diskutiert wird, mag vielleicht auch mal jemand beleuchten.

Wenn der E-Mobilist nun sein zu Hause verlassen hat und, sagen wir mal, im Urlaub am Hotel, der Pension oder auch schon auf halber Strecke am Restaurant angekommen ist und sein Auto abstellt, möchte er – genau – Laden! Denn wir wissen ja, E-Autos lädt man am besten dann, wenn sie eh gerade herumstehen. In aller Regel gibt es aber vor Ort noch keinen ausgezeichneten Ladepunkt, sondern der E-Mobilist fragt freundlich nach einer Steckdose in Parkplatznähe. Meistens wird einem dann geholfen. Im besten Fall ist der Gastwirt nun interessiert und möchte wissen, was er denn installieren und investieren müsse, um den E-Autofahrern grundsätzlich zu helfen und sie so vielleicht als Kunden zu gewinnen.

Auch hier gibt es wieder eine teure 100%-Lösung und eine billige 80%-Lösung. Vermutlich argumentiert hier jeder wieder stark aus der eigenen Erfahrung mit seinem Fahrzeug heraus.
Die 80%-Lösung sagt, eine stinknormale Haushaltssteckdose tut’s. Damit kann jedes E-Auto mehr oder weniger gut umgehen. Jeder Haus-und-Hof-Elektriker kennt das und wird es ohne Rückfragen installieren können. Ja, die Leistung ist gering, aber über Nacht sind auch damit 100…200km nachgeladen. Wer weiter fahren will, soll bitteschön unterwegs an einen Schnelllader gehen. Die Kosten sind überschaubar. Lieber in eine höhere Stückzahl investieren. Die E-Autos werden ja nicht weniger.
Die anderen sagen, das ist Mumpitz und nicht zukunftssicher. Sie favorisieren die 100%-Lösung. Und das ist eine Wallbox mit Typ2-Anschluss. Damit kann jedes Auto umgehen. Der Anschluss sollte dreiphasig sein und am besten gleich 3x32A bieten. Man will ja spätestens nach einer zweistündigen Mahlzeit wieder ein volles Auto haben. Außerdem sind Haushaltssteckdosen brandgefährlich, wenn die Installation nicht tip-top ist! Es sind Ladekabel im Umlauf, die die Dosen, in der häufig anzutreffenden minderen Qualität, zu stark dauerbelasten!

Doch auch hier stehen die Investitionskosten für die 100%-Lösung in einem so schlechten Verhältnis zum Umsatzgewinn oder Werbeeffekt, dass sich das wohl nur die Oberklasse-Etablissements leisten werden können.

Sind denn Lösungen in Sicht? Macht es auf lange Sicht die Masse günstiger, sodass Investitionen zum Umsatz passen? Wir werden sehen. Oder kann man Auto-Strom vielleicht gar nicht losgelöst von einem anderen Hauptgeschäft vermarkten? Die
zahlreicher werdenden Ladepunkte an Supermärkten, Möbelhäusern, etc. deuten darauf hin. Die Autohersteller versuchen es dem Kunden mit eigenen Ladekarten einfacher zu machen. Und Tesla hat von vorn herein sein eigenes Netz mit Ladepunkten aufgebaut.

Aber schauen wir doch auch mal über die deutschen Grenzen hinaus. Wie machen die Holländer das landesweite Bezahlen mit nur einer Karte möglich? Ist die deutsche Politik mit der Ladesäulenverordnung übers Ziel hinaus geschossen, sodass Ladeinfrastruktur in Deutschland teurer ist als anderswo?

Es gibt noch viel zu tun.

Bis zum nächsten Mal,
DermitdemTiger

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2 Kommentare zu „Wenn E-Mobilisten untereinander diskutieren, kann man erkennen, wo es bei der E-Mobilität noch hakt.

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  1. Jammern gehört wohl zum Unternehmertun! Schon wieder investieren, und es gibt doch noch zu wenig Nachfrage nach Lademöglichkeiten im Hotel, Restaurant, Spassbad, Kino und so weiter. Ist das richtig, sich so zu verhalten?

    Wie war das seinerzeit mit WLAN in den Hotels? Wer war denn der Erste? Da findet man kaum eine Wortmeldung. Aber heute hat es praktisch jeder. Was hat die Hotelbetreiber von der anfänglichen Haltung (zu wenig Nachfrage) bewegt, die Meinung zu ändern und evtl. mehrere Tausend Euro zu investieren? Das muss jeder selber beantworten. Fakt ist: Wer wartet verliert Kunden an Schnellere. Und wie viele braucht es zur nötigen Einsicht? Und wie will man durch Warten verlorene Kunden wieder zurückgewinnen?

    Wenn man die Größenordnungen der „üblichen“ Investitionen oder Umbauten mal betrachtet, ist eine Ladeinfrastruktur eher billiger. Warum gerade bei den exponetiellen Zuwachsraten bei Fahrzeugkäufen und bei den zu erwartenden Ladevorgängen (Faktor 40 in drei bis fünf Jahren) gezögert wird, ist mir völlig unklar. Hier wird zu viel auf Meinungen anderer gehöhrt (Verbände, Zeitungen, Autohäuser), die einen zum Warten bewegen. Dabei weiß jeder in der Elektromobilität, es kommen erst (!) die Ladepunkte, dann das Interesse der Käufer, dann der Kauf. Wer in die Köpfe der hervorragend vernetzten E-Autofahrer will, muss das jetzt (!) noch tun. Oder wieder zuschauen und Kunden verlieren. ICH fahre nur noch zu Gastwirten und Hotels, wo mein Auto willkommen ist. Was früher meine Kinder waren (kinderfreundlich?) und dann der Hund ist eben jetzt das Auto geworden. Und was neu ist, dieses Mal ist eine MEGAtrends, der praktisch alles verändert.

    Hans Kurtzweg

  2. Nach meiner Erfahrung aus 10 Jahren Elektromobilität sollte immer eines im Vordergrund stehen: Nicht das Laden-Können, sondern das sichere und zuverlässige Laden-Können. Das kann (!) auch mit einer Steckdose funktionieren. Soll es aber an einer Steckdose lange zuverlässig und sicher funktionieren, muss mind. auch mal ein Elektriker ein Auge drauf werden. Da ist nicht nur die Dose zu prüfen (und ggf. gegen eine verstärkte zu tauschen; für den Außeneinsatz sind noch weitere Dinge zu beachten), sondern auch die Stärke der Zuleitung und die Absicherung sowie die Verdrahtung im Haus/Gebäude. Ich hatte 2012 in einem Leipziger Hotel in der Tiefgarage das Erlebnis, dass mich bei Steckdosen seitdem erschaudern lässt: Ich hatte mich im Hotel angemeldet und um einen Stellplatz in der Tiefgarage in der Nähe einer Steckdose zum Laden meines Peugeot Ions gebeten; war auch grundsätzlich kein Problem. Die Dose entpuppte sich als Wanddose in einem Nebenraum, da musste erstmal das Kabel gegen die Tür gesichert werden. Am nächsten Morgen hatte der iON genau Nichts geladen, weil die Sicherung gekommen war. Grund war ein weiterer Verbraucher in dem Raum, der am gleichen Stromkreis angeschlossen war. Als der ansprang fiel die Sicherung. Ergebnis: Die Rückfahrt verzögerte sich um mehrere Stunden, weil ich neu laden musste. Never ever again.

    Kurz: Um an Schuko sicher und zuverlässig zu laden, müssen div. Rahmenbedingungen stimmen, schließlich laufen da mehrere Stunden 10-13A über die Leitung. Wenn das alles passt, ok. Aber bei dem Aufwand, den der Betreiber zu leisten hat, kann er ggf. gleich eine Wallbox mit wenigstens 3,7 kW an die Wand schrauben und anschließen lassen. Ja, das kostet ihn sicher 200-300,- mehr, aber dafür geht´s dann für alle stressfrei und sicher.

    Ich werbe also für die 90%-Lösung.

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