Warum ich elektrisch fahre

2012 kam das erste teil-elektrische Fahrzeug in den Haushalt – ein Pedelec. Dieses hat mir als komplett unsportlichen Typen ermöglicht, den täglichen Arbeitsweg von 2 x 10km mit dem Fahrrad zurückzulegen. Nebenbei war ich immer wieder davon begeistert, beim Anfahren alle anderen abzuhängen, selbst mit Kinderanhänger. In der Praxis zeigte sich, dass die Batterie auch nach 4 Saisons, also ca. 500 Tagen und 500 Mal laden, noch immer 90 bis 95% der ursprünglichen Kapazität hatte.

Anfang 2014 kam dann ein teil-elektrisches Auto dazu. Wir hatten bis dahin einen Honda Jazz. Es wurde wieder einer. Diesmal in der Hybrid-Version. Bei der Probefahrt auf meinem Arbeistweg konnte ich feststellen, dass er innerstädtisch tatsächlich 15 bis 20% weniger verbrauchte.
Obwohl er sich auch dann, wenn überhaupt, vielleicht nur gerade so bis ans Lebensende rechnen würde, wurde er angeschafft. Denn die Raumeffizienz eines Jazz erreicht kein anderes Auto auch nur annähernd. So war der Effizienz-Fetischist in mir nun also gleich zweifach zufriedengestellt. Und der Antrieb macht auch noch mehr Spaß als der reine Verbrenner. Bei Ampelstarts bin ich in der Regel schnellster. (Schon fast so wie bei diesem kleinen hier. 🙂 )

Bald verlängerte sich jedoch der Arbeitsweg auf 2 x 45km. Pedelec war ausgeschlossen, der ÖPNV brauchte zu lange, die Autofahrten waren nun laaaaangweilig!! Was nun? Ein anderes Fahrzeug? Etwas komfortableres, etwas sportlicheres, etwas aufregenderes, gar etwas elektrisches??
Die Kinder waren inzwischen etwas älter, würden absehbar bald auch ohne meine täglichen Chauffierdienste auskommen. Zunächst kam mal mein Motorrad wieder her. Vor 10 Jahren hatte ich mich für den neuesten Kracher der zweitletzten deutschen Motorradmarke entschieden. Weil mir das Design ausgesprochen gefiel, richtig Bums in der Hütte war, die Technik laut Tests solide sein sollte und nicht zuletzt aus Sympathie für die Truppe aus dem Erzgebirge. Nach dem Versuch auf dem langen Arbeitsweg war eines klar, Motorradfahren würde mich zumindest halbjährig von den langweiligen Autofahrten befreien. Doch sollte es wirklich dieses „Eisenschwein“ sein? Mit den Macken und Zicken, die diese Diva mittlerweile angesammelt hatte? Hm. Gedanken an Trennung machten sich im Kopf breit. … Es soll da ja mittlerweile ganz passable Elektromotorräder geben. Sogar mit Händler in Berlin. Das wird ausprobiert!

Ich betrat den Shop mit den Worten „Ich möchte mir mal die Motorräder ohne Auspuff angucken.“ Es folgte eine Tagesmiete einer Zero DSR. Nach kurzer Einweisung wird man im „Eco-Modus“ losgeschickt. Klar fasziniert das, so ganz ohne was, wie von Zauberhand loszufahren. Aber das war nur der erste Eindruck, längst verblasst. Das Fahrwerk fiel durch trockene Straffheit auf, jede Linie gelang auf Anhieb. (Erst später wird mir klar, dass das auch mit den Antrieb zu tun hat: Keine Schaltvorgänge und eine Verbindung von Motor und Rad ohne Lose. Das bringt einfach viel weniger Lastwechsel und Unruhe ins Spiel.)
Doch etwas Bums fehlte schon. Ich drohte trotz voll aufgedrehten Hahns hin und wieder an den Ampeln von den Autos versägt zu werden. An der vorletzten Kreuzung vor zu Hause machte ich dann den Sport-Modus rein und drehte, wie nun seit einer halben Stunde eingespielt, den Griff in der rechten Hand wieder bis zum Anschlag. Was darauf hin über mich hereinbrach, werde ich so schnell nicht vergessen! Das versetzt mich jetzt beim Schreiben schon wieder in den angeregten Zustand! Ich war so erschrocken, dass ich die letzte Kreuzung lieber wieder im Eco-Modus fuhr. Aus Angst beim Abbiegen sonst abzufliegen. Hölle, was für eine Rakete!!

Am nächsten Tag begann ich dann direkt mit ungezügeltem Engagement des Fahrzeuges aber mit mehr Vorsicht im rechten Handgelenk. Erkenntnis: Die Dosierbarkeit ist oberstes Niveau! Vom Begleiten eines Fußgängers bis zur Hatz auf dem Beschleunigungsstreifen geht alles. Ohne Umschweife, ohne jegliche Anstrengung beim Fahrer und ohne jede spürbare Anstrengung beim Fahrzeug. Das unterscheidet das Elektro-Motorrad von einer fossilen Maschine. Nicht die reine Beschleunigung, sondern wie einfach diese abzurufen ist. Und ohne dass sich irgendjemand dadurch belästigt fühlen könnte. Und ohne Kompromisse etwa beim Langsam- oder Konstantfahren machen zu müssen. Kurz gesagt, es war ein überragendes Erlebnis.

Dazu kommt, wie bei diesem Fahrzeug konsequent weiter gedacht wurde. Sie haben eben nicht nur den einen Motor raus- und einen anderen reingebaut und Tank durch Batterie ersetzt. Sondern jede Chance noch mehr wegzulassen genutzt. Was das heißen soll? Nun, setzt man z.B. seine Entwicklungskapazitäten dafür ein, dass der Motor mit Luftkühlung auskommt und die Batterie auch, fällt die ganze Wassertechnik weg. Gestaltet man die Kraftübertragung vom Motor zum Rad so, dass keine Zahnräder benötigt werden, fällt auch noch das Öl weg. Und plötzlich steht man mit einem Motorrad ohne Flüssigkeiten da! (Bis auf die Bremsflüssigkeit.) Und weiter, was machen wir mit der bei Lastwechseln herum schlackernden Kette zum Hinterrad? Ja, auch bei den Verbrennern gab es dazu schon Lösungen. Man musste ja „nur“ das Getriebeausgangsritzel auf die Achse der Hinterradschwinge setzen um mit einem straffen Zahnriemen arbeiten zu können – konstruktiver Extraaufwand. Beim E-Motorrad kann man nun jedoch gleich den ganzen Motor auf die Schwingenachse setzen. Ideal für einen Zahnriemen direkt vom Motor zum Rad! Bei Lastwechseln schlackert nichts mehr herum. Was noch? 12V-Bleibatterie zum Beispiel? Wozu? Die Energie für das 12V-System kann doch direkt aus der Hochvolt-Batterie kommen. Wozu braucht es da noch dieses Relikt aus vergangenen Tagen? Kurzum, hier wurde eines meiner Ingenieur-Credos aufs wunderbarste umgesetzt: „Ein System ist perfekt, wenn man nichts mehr weglassen kann.“

Auch für den Sozius-Betrieb gibt es Pluspunkte. Die Biker unter den Lesern kennen vielleicht das „Klonk“ bei jedem Hochschalten, wenn der Helm des Sozius oder der Sozia gegen den eigenen knallt. Ist nicht mehr. Alles geht smooth. Wenn man will auch wie in Zeitlupe. Mit diesem Bike habe ich mich viel eher getraut meine Kinder mitzunehmen. Keine Angst sie durch irgendwelche Rauheiten des Fahrzeuges vom geliebten Hobby abzuschrecken.

Noch mehr passende Worte zu „neuen Wünschen und Emotionen der Elektro-Biker„, hat z.B. auch mein gelegentlicher Mitfahrer Remo gefunden.

Und Nachteile? Ja. Zwei.
Jeder Biker versteht zwar unter einem guten Klang etwas anderes, doch es wird den meisten ähnlich gehen, ich höre viele fossile Bikes immer noch gerne. Allerdings wären die Häschen am Wegesrand im Brandenburger Forst dann auch weg gewesen, bevor ich auch nur in die Nähe gekommen wäre. 🙂
Vom Fernreisetraum musste ich mich auch verabschieden. Will man diesen mit einem Elektromotorrad ausleben, braucht es eine extra Portion Pioniergeist für das öffentliche Laden und bei dieser serienmäßigen Maschine auch noch elektrische „Bastellösungen“.

So verzichte ich drei Mal im Jahr auf Fernfahrten und genieße jeden Tag die Vorzüge. Und wenn der Tiger mitfährt, ist er endlich da wo er hingehöhrt – im Tank! 🙂

DermitdemTiger

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2 Kommentare zu „Warum ich elektrisch fahre

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  1. Klasse. Emotional wie die E-Motorräder wohl sind. Habe eine BMW C Evolution (gilt als 125er Roller). Hat aber 35 kW statt sonst nur 11. Das geht ab!

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