Probieren geht über Studieren – Teil 2 – öffentliches Laden

Einleitung

Und weiter geht es beim Test, ob die Elektromobilität für uns als Familie was taugt. Die ganze Einleitung und die Betrachtung in Frage kommender Fahrzeuge findet ihr im ersten Teil.

Die öffentliche Ladeinfrastruktur

Vorversuche

Allerorten liest man immer wieder von Problemen beim Laden an öffentlichen Ladepunkten. Es sei noch lange nicht so einfach und zuverlässig wie das Betanken eines fossilen Verbrenners.

Nun denn, probieren wir es aus. Denn auch wenn es in neun von zehn Fällen gut gehen mag, über die einerseits ja nichts geschrieben wird, möchte ich andererseits trotzdem auch beim zehnten Mal nicht mit den Kindern auf dem Rücksitz irgendwo in der Pampa gestrandet sein.

Daher hatte ich mir nun zunächst für mein Motorrad die nötige Kabelage zugelegt, um damit an den verbreiteten Typ-2-Dosen laden zu können. Ich hatte dann gelegentlich öffentliche Ladepunkte angefahren um die Sache auszuprobieren. Angefangen hatte ich dabei ganz einfach, mit einer mir bekannten, sehr zuverlässigen Ladesäule, die barrierefrei (also ohne vorherige Anmeldung o. ä.), kostenlos und rund um die Uhr genutzt werden kann. Siehe nachfolgende Tabelle.

Weiter ging es mit eine unbekannten, (angeblich) barrierefreien Säule, einer zugangsbeschränkten Säule und schließlich mit einer Säule, an der ich mich mit einem Token identifizieren musste und ich vorher den Preis recherchiert hatte.

Tabelle der Ladeübungen an Typ2

Es wird Ernst – Laden unterwegs

Nach diesen Fingerübungen sollte es mit dem Mietwagen nun auf Wochenendtour nach Chemnitz gehen, 2 x 280 km. Unterwegs soll der IONIQ per CCS geladen werden, in Chemnitz am Hotel dann in einer Tiefgarage an Typ2.

Ich hatte das Auto schon ein paar Tage vorher und hab die Gelegenheit genuzt CCS hier und da auszuprobieren. Die Details findet ihr in der Tabelle unten. So richtig ins Schwitzen kam ich erst, als auf der Heimfahrt in Köckern-Ost die Säule kaputt war. Da steht man nun im Schneetreiben vorm Display der Ladesäule, hält sich mit klammen Fingern das Handy ans Ohr und telefoniert mit dem Service, der letztlich nichts ausrichten konnte. Ich bin schließlich zur Raststätte gegenüber gefahren und habe dort geladen. Eine Stunde und 20 km extra. Der Aufstand der Kinder blieb dann aber doch aus. Die waren ja mit Mama bei McDonalds im Tobe-Paradies.
Das Wochenende drauf standen dann mit dem e-Golf gleich 2 x 300 km auf dem Plan. Diesmal ging ladetechnisch alles glatt. Der Lader in Köckern-Ost war auch wieder in Betrieb. (Der am BER dagegen war z.B. ein ganzes Jahr nicht benutzbar!)

Tabelle zu CCS-Ladungen

Laden am Zielort

Das passierte dann mit dem IONIQ in Chemnitz in einer Tiefgarage im Zentrum direkt am Hotel an einem Ladepunkt des regionalen Versorgers.

Man sollte die Ladepunkte einmal per SMS freischalten können und musste sich nur bei wiederholter Benutzung anmelden. Für Gäste der Stadt sehr angenehm. Doch die Technik versagte leider und es musste ein Techniker ausrücken, der den Ladepunkt dann mit seiner Karte freigeschaltet hat. Alles sehr freundlich!
Mit dem e-Golf übernachteten wir in einer größeren Pension in Hoheneiche bei Saalfeld. Dort gab es Strom aus einer Steckdose in der Garage, vor der wir parken durften. Für diese Dienstleistung habe ich freiwillig einen Zehner extra dagelassen.

Zwischenfazit

Wir sind Pioniere. Und da der ganze Spaß nichts kostet, sei den Anbietern in der Lernzeit der ein oder andere Fehler verziehen.

Das war alles 2017.


Die öffentliche Ladeinfrastruktur Ende 2018

Inzwischen hat sich viel getan.
Viele Ladesäulen sind hinzugekommen, Ladesäulen haben den Betreiber gewechselt und nahezu überall wollen sie inzwischen mit dem Laden Geld verdienen.
Mein Plugsurfing-Token wurde von einem berliner Kollegen für seine Erprobungsfahrten mit einem Renault Zoe im „Berliner Modell“ genutzt. Mit der NewMotion-Karte habe ich sogar einmal sinnvoll mein Motorrad in Berlin während eine Party aufladen können, weil zufällig vor der Kneipe eine Ladesäule stand. In Vorbereitung des jährlichen Chemnitz-Trips gesellt sich zu Plugsurfing und NewMotion zunächst noch die Einfach-Strom-Laden-Karte von der Maingau. Und da die EnBW gerade mit sehr günstigen Pauschaltarifen wirbt, werfe ich ein Vorurteil über Board und gebe auch dem Freischalten per Smartphone und App eine Chance, ich installiere die App der EnBW.
Diesmal bereite ich mich penibel vor. Zum einen bin ich vorgewarnt, dass die Ladeinfrastruktur nicht unbedingt zuverlässiger geworden ist, man immer einen Plan B haben sollte und tunlichst vorher die Tarife studieren sollte. Zum anderen ist aber die Auswahl an Lademöglichkeiten auch viel größer geworden. Ich lege mir alles für zwei alternative Routen zurecht. Es entsteht in stundenlanger Recherche-Arbeit im Verzeichnis von goingelectric.de und den Verzeichnissen der jeweiligen Anbieter folgende Tabelle. Vor allem die Preisunterschiede sind beeindruckend! Sollte ich z.B. auf dem Heimweg kurz vor Potsdam nochmal in wenigen Minuten ein paar kWh nachladen müssen, möchte ich dafür (in Linthe oder Beelitz) nicht 15, 20 oder noch mehr Euro bezahlen müssen. Ich fühle mich aber für alle Eventualitäten gerüstet.

Tripplanung Potsdam-Chemnitz

Diesmal sind wir mit dem Leaf II unterwegs. Ich übe das Laden an Chademo nochmal am Autohaus Wegener in Potsdam.  In der EnBW-App fehlen ausgerechnet bei dieser Ladesäule die Ladepunkte. Die Ladung kann nicht gestartet werden. Mit der ESL-Karte von der Maingau geht es dann.

Es wird Ernst – Laden unterwegs

Die Tochter musste leider wegen eines Magen-Infekts mit Mama zu Hause bleiben. So darf Sohnemann diesmal sogar vorne sitzen. Er freut sich riesig auf die Fahrt und vorallem auf die Ladepause, die bei McDonalds in Köckern-West eingeplant ist. Dort angekommen versuche ich erfolglos die Ladung mit der EnBW-App und der ESL-Karte zu starten. Weder das eine noch das andere funktioniert. Nun gut, bei Maingau kann man ja anrufen. Der Mitarbeiter stellt zunächst fest, dass ich noch gar keine Zahlungsmethode hinterlegt habe. Wieso es dann in Potsdam trotzdem ging, kann er auch nicht erklären. Ich trage also über die App noch meine Bankverbindung nach. Es nützt aber nichts. Und auch mit der Maingau-App läuft hier heute nichts. Alles zusammen vielleicht eine halbe Stunde Probiererei. Sohnemann, das „goldene M“ vor Augen, tobt inzwischen auf dem Beifahrersitz. Aber es nützt nichts, wir müssen weiterfahren. Im Schneckentempo bis in den Sachsenpark bei Leipzig, wo die Stadtwerke immer noch kostenloses Laden anbieten. McDonalds zum Glück wieder neben dran. Durchatmen.

Auf dem Rückweg versuche ich Laden komplett zu vermeiden und suche mir LKW-Windschatten. Leider sind die am Sonntag rar. Da ich auch nur mit 92% Ladestand losfahre, muss ich in Leipzig doch nochmal einen Schluck nachfassen. Dann reicht es bis nach Hause.
In Köckern Ost probiere ich aus purer Neugier nur nochmal die ESL-Karte – ohne Erfolg. Später lese ich in Diskussionen, die Ladesäulen in Köckern hätten gar keine Chipkartenleser sondern gehen prinzipiell nur per App freizuschalten. Blöd, wenn der Anbieter, wie z.B. Maingau, gar nicht danach trennt. Dann steht man mit seiner RFID-Karte buchstäblich im Regen.

Laden am Zielort

Wir wohnen diesmal in Chemnitz in der Jugendherberge, die ich nebenbei durchaus empfehlen kann. Das Parken auf dem öffentlichen Parkplatz vorm Haus ist für Elektroautos kostenlos. Laden kann man dort jedoch nicht.
Zum Laden geht es übernacht wieder in die gleiche Tiefgarage vom letzten Jahr. Inzwischen schaltet man den Ladepunkt nicht mehr per SMS frei sondern per Smartphone und QR-Code plus Kreditkarten-Daten. Der Tarif ist mit einen Startpreis von 2 Euro und 35 Cent pro kWh vernünftig. Dafür war der Ladepunkt dieses Mal von zwei Verbrennern zugeparkt. Ich konnte mich gerade so noch daneben quetschen.

Fazit 2018

Die Ladeinfrastruktur ist immer noch im Pionier-Zeitalter. Es scheint selbst den Anbietern nicht immer klar zu sein, an welchen Ladepunkte man mit dem eigenen Angebot laden kann, an welchen man wirklich laden kann und an welchen eben nicht. Siehe nachfolgender Screenshot nach dem jüngsten Update der EnBW-App.

Es ist ja nicht so, dass die E-Auto-Fahrer nicht bezahlen wollen. Aber warum macht ihr es uns so schwer!? Die Ladesäule muss Internet-Verbindung haben, der Fahrer muss ein Smartphone dabei haben, letzteres muss Internetverbindung haben, das Datenvolumen darf auch nicht gerade alle sein, und dass sind vermutlich noch nicht alle Bedingungen die erfüllt sein müssen. Dann fahre ich doch lieber zu den wenigen kostenlosen Ladepunkten. Nicht weil ich dort ein paar Euro sparen kann, sondern weil es dort ohne den ganzen Zirkus einfach funktioniert.

Meine Frau sagt zu Recht, sie hätte die Tour nicht alleine fahren wollen. Von noch weniger technik-affinen Menschen mal ganz zu schweigen. So kann ich die Elektromobilität für die Allgemeinheit nach wie vor nur unter zwei Bedingungen empfehlen. Entweder bewegt man sich nur innerhalb der Reichweite um einen festen Ladeplatz oder man fährt einen Tesla.

Dort erlebt man auch wie kinderleicht es sein kann. Der ganze Rest ist noch arg verwurschtelt und für viele einfach viel zu hoch. 😉

Viele Grüße,

Der mit dem Tiger

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