Elektroautos brauchen Strom – die Energiewende beginnt auf dem Balkon

Dass Elektroautos Strom brauchen, ist klar. Im Rahmen der Energiewende gehen jeden Tag neue Windkraftanlagen und Solaranlagen ans Netz und erhöhen kontinuierlich den Anteil an erneuerbaren Energiequellen im Strommix. Jedes Elektroauto profitiert davon – sofort und ganz im Gegenteil zu einem Verbrenner, dessen Emissionen im Fahrbetrieb unveränderlich sind und bleiben.

Uns erreichte ein Beitrag eines Users, der sich als Mieter nicht damit zufrieden geben wollte, nicht auch selber Ökostrom erzeugen zu können. Ökostromvertrag kann ja jeder, selbermachen ist besser. Gesagt – getan. Viel Spaß beim Lesen!

 

Das Balkonkraftwerk, oder die Energiewende für den Bürger
Verfasst von Mario Kley am 23.März 2019
Angefangen hat alles im Mai 2015, als ich mich für den damaligen Naturstrom-Vertrag bei den Stadtwerken Brandenburg an der Havel GmbH & Co. KG entschieden habe. Für meine kleine 2-Raum-Mietwohnung wollte ich Strom ausschließlich aus regenerativen Quellen beziehen.
Der Anteil der erneuerbaren Energiequellen (Biomasse, Wasser-, Windkraft und Photovoltaik) im deutschen Strommix lag im ersten Halbjahr 2018 laut Fraunhofer Institut bei 38%. Das bedeutet also, das ich mehr als ein Drittel „sauberen“ Strom bezogen habe. Die Überlegung liegt also nahe, wie man diesen Anteil signifikant steigern könnte, bei überschaubaren Kosten.
Die Antwort fand ich überraschenderweise auf YouTube. Dort gibt es neben jeder Menge Unsinn auch lehrreiche Videos zum Thema Photovoltaik. Es wird dort eine Möglichkeit, die auch für Mieter technisch umsetzbar und erschwinglich ist, vorgestellt – Das Balkonkraftwerk.
Was verbirgt sich hinter diesem hochtechnisch anmutenden Begriff? Ein handelsübliches Solarmodul, je nach Ausführung bis zu 300Wp, und ein Microwechselrichter, der den vom Solarmodul kommenden Gleichstrom in netzkonformen Wechselstrom umwandelt. Eine simple Technik also, die auch den Laien nicht überfordert. Die Kosten sind mit ca. 220 EUR für das Solarmodul und ca. 250 EUR für den Wechselrichter im Rahmen des Machbaren. Die meisten Anbieter im Internet bieten alles zusammen in einem vollständigen Paket geschnürt mit Verkabelung an.
Gesagt – Getan. So konnte es mit dem Bastelspaß losgehen. Preise vergleichen, Angebote einholen und Tipps und Tricks von Leuten einsammeln, die so ein Plug-In-Solarmodul schon betreiben. Am 14.März 2019 trifft das ca. 1,7mx1m große Solarmodul hier bei mir per Spedition ein. Die Frage wie das ca. 20kg schwere Modul montiert werden soll, ist schnell in meinem Kopf geklärt. Die Montage an der Balkonbrüstung wäre zwar ideal, jedoch bedarf solch ein baulicher und optischer Eingriff in die Fassade, der Zustimmung des Vermieters. Es wird also ein freistehendes und bewegliches Gestell auf dem Balkon gebaut, das dem Solarmodul die klassische Neigung zur Sonne ermöglicht.
Ein kurzer Ausflug in den Baumarkt und ca. 70 EUR später sind 4 Vierkantpfosten und 6 Rahmenhölzer, dazu jede Menge Schrauben und Metallwinkel und ein Dose Holzlasur gekauft. Eine Bauzeit von ca. 3 Stunden zu zweit mit meinem Vater und das Holzgestell ist aufgebaut. Das Solarmodul ist nun mit einem Winkel von ca. 40 Grad zur Sonne ausgerichtet.
Der spannende Augenblick: Die Inbetriebnahme konnte, dank sonnig bis wolkigem Himmel sofort erfolgen. Zur Kontrolle der geernteten Sonnenenergie habe ich ein Energiekosten-Messgerät dazwischen gesteckt. Die erste Ablesung am Gerät 0,6W…20W…50W…100W bei 195W pendelt sich das Messgerät schließlich ein. In der Spitze können es auch mal 280W sein. Nicht verwunderlich sollte hier sein, dass die Leistungsabgabe des Solarmoduls stark schwanken kann. Beim Durchzug einer Wolke kann die Leistung auf 20 Watt abfallen.
Der so erzeugte Strom ist hauptsächlich zum Eigenverbrauch bestimmt. Dadurch reduziert sich die Strommenge, die vom eigenen Netzbetreiber bezogen werden muß und schlußendlich erhöht sich logischerweise der Anteil an erneuerbaren Energiequellen im persönlich verbrauchten Strommix. Durchschnittlich hat jeder Haushalt eine elektrische Grundlast von ca. 300 kWh pro Jahr. Bei leicht verändertem Verbrauchsverhalten können bis zu 20% des Stromverbrauchs selbst mit dem Balkonkraftwerk erzeugt werden. Nach heutigem Stand der Strompreisentwicklung kann man mit einer Amortisationszeit von ungefähr 8 Jahren rechnen.

Nachdem der Aufbau und die Nutzung eines Balkonkraftwerks so einfach ist, habe ich mich gefragt warum es nicht viel mehr dieser Anlagen in Deutschland gibt, während bei unseren europäischen Nachbarn in den Niederlanden, Österreich und der Schweiz bereits über 200.000 solcher Mini-Photovoltaik-Anlagen in Betrieb sind. Die Antwort ist leider so traurig wie typisch für Deutschland, die Anmeldeprozedur und der normgerechte Anschluß nach DIN-Norm VDE
0100-551-1. Laut geltendem Recht muß eine Mini-PV-Anlage sowohl beim Netzbetreiber als auch bei der Bundesnetzagentur angemeldet werden. Während letzteres relativ schnell online über das Marktstammdatenregister zu erledigen ist, stellt die Anmeldung beim örtlichen Netzbetreiber eine weitaus größere Hürde da, als ich zunächst vermutete. Man wird mit, in meinem speziellen Fall, 3 Formularen konfrontiert. Einem Datenerfassungsblatt, in dem persönliche Daten und die Daten des Balkonkraftwerks einzutragen sind, einer Anmeldung zum Netzanschluss einer Stromerzeugungsanlage und einem Inbetriebsetzungsauftrag, der dazu dient den Messstellenbetreiber aufzufordern einen Wechselstromzähler mit Rücklaufsperre zu installieren.
Der Grund für einen dermaßen übertriebenen verwaltungstechnischen Aufwand, liegt darin begründet, dass der Gesetzgeber noch keine sogenannte Bagatellgrenze für Mini-PV-Anlagen festgelegt hat. Der Netzbetreiber hat selbstverständlich keinerlei Interesse, solchen dezentral betriebenen und noch dazu sein eigenes Geschäft torpedierenden Anlagen zum Erfolg zu verhelfen. Als Folge davon überschüttet er den Bürger, der sein Balkonkraftwerk ordnungsgemäß anmelden möchte, mit einer Flut von Formularen, Vorschriften und Normen, die diesen sehr schnell die Motivation zum Betrieb einer Mini-PV-Anlage nehmen sollen. Wenn ich also zusätzlich, wie vom Netzbetreiber eingefordert, einen Elektrofachbetrieb mit dem normgerechten Anschluss beauftrage, würden sich die Kosten um ein Vielfaches erhöhen und somit die Investition ad absurdum führen.

Folglich bleibt es nur zu wünschen, dass die Bundesregierung, die sich die Energiewende selbst auf die Fahnen geschrieben hat, schnell handelt und eine Untergrenze einführt, für die ein vereinfachtes Anmeldeverfahren gilt. Bei unseren europäischen Nachbarn existiert eine solche Bagatellgrenze von 600Wp, das entspricht 2 Modulen, bereits.
Ich blicke also voller Hoffnung, mit einem Auge auf mein Energiekosten-Meßgerät und mit dem anderen Auge nach Berlin, in die Zukunft.

 

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