Die Mär vom Kohlestrom im E-Auto

Ja, wir hatten das Thema schon öfters, aber heute ist wieder einmal so ein Tag, da muss man einfach nochmal darauf eingehen. Die Rede ist von der Mär vom Kohlestrom im E-Auto.

Dieses Märchen versuchen ja diverse Gruppierungen und Parteien, u.a. die FDP, am Leben zu halten. Doch wie sieht es denn in der Realität, fernab von Märchen und Mythen, aus?

Im Augenblick lade ich meine Renault ZOE an der heimischen Wallbox. Zum Laden nutze ich meinen Stromvertrag von EQ-Strom, das ist ein lokaler Stromanbieter im Land Brandenburg, der überwiegend in eigenen Windkraftanlagen den Strom für die Kunden erzeugt und das ganz nah am Verbraucher. Es fallen also kaum Transportwege an. Mit dem Strombezug von EQ ist mein Stromverbrauch für Haus und Auto schon mal bilanziell mit annähernd 0 Gramm CO2 pro Kilowattstunde in der Produktionsphase „belastet“. Das ist die bilanzielle Seite der Stromversorgung. Wie sieht es denn nun mit der physikalischen Versorgung aus?

Blicken wir auf die Seite www.electricitymap.org, wird mir die Stromversorgung ganz Europas und weiterer Teile der Welt in Echtzeit angezeigt. Ein Klick auf Deutschland zeigt, dass eine Kilowattstunde derzeit mit durchschnittlich 230 g CO2 pro kWh belastet ist. Weiterhin ist zu erkennen, dass derzeit rund 60% der Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen stammen. Nicht übel. Damit wäre jeder km in der ZOE beim aktuellen Winterverbrauch von 16,6 kWh/100 km mit gerade 38 g CO2 verbunden. Lächerlich im Vergleich zu so manchem „clean Diesel“…und fern ab von „Kohlestrom im Akku“. Mag ja in dem einen oder anderen Fall doch Kohlestrom im Akku landen, so wird das durch viele, viele Autos, die ihren Strom derzeit aus anderen Quellen erhalten, mehr als ausgeglichen. Bedenklich finde ich auch, dass derzeit wiedereinmal große Mengen an Strom (17%) in andere Länder fließen, anstatt diese hier zum Laden (Elektromobilität), zum Heizen (Wärmepumpen) oder zur Erzeugung von Wasserstroff oder Biogasen zu nutzen. Nichts gegen den europäischen Energieasgleich…aber dafür die Kohlemeiler hier weiter laufen lassen?

Skizze2

Nun gut, schauen wir mal genauer hin und nutzen dazu die App von 50Hertz, dem Übertragungsnetzbetreiber in den neuen Bundesländern. Hier zeigt sich folgendes Bild:

SkizzeSchon fast den ganzen Tag über verzeichnet das Netz eine sogenannte negative Last, d.h. es fließt kein Strom mehr aus dem 380 kW-Übertragungsnetz, an dem die Großkraftwerke angeschlossen sind, in die Verteilnetze, d.h. die Netzebenen mit geringerer Spannung, an die u.a. die Windkraftanlagen, die Biogasanlagen oder die Solarparks und kleinen Solaranlagen angeschlossen sind. Da Strom immer den kürzesten Weg nimmt, fließt also kein Strom aus der 380 kW-Ebene in Richtung Haushalte. Im Gegenteil, bei negativer Last fließt Strom aus den unteren Netzebenen in die 380 kV-Ebene. Mit anderen Worten (und die folgende Aussage wurde durch 50Hertz so auch bestätigt): Der Strom innerhalb des Netzes ist praktisch CO2-frei, allenfalls BHKW-Anlagen, die mit Erdgas gespeist werden, erzeugen noch etwas CO2. Die Kilowattstunde ist demnach so gut wie CO2-frei. Da aber auch Windkraftanlagen, Biogasanlagen und Solaranlagen ja mal gebaut wurden, setzt man in der Regel nicht 0g/kWh an, sondern 40g/kWh. Für meine ZOE heißt das: gerade mal 6,6 Gramm CO2 pro km. Das ist Lichtjahre von „Elektroautos fahren mit Kohlestrom“ entfernt.

Jetzt kommt natürlich der Einwand, dass die Herstellung von Elektroautos, insb. der Batterien, ja mit Unmassen an CO2 verbunden ist. Stimmt. Für die ZOE ZE40 mit dem 41 kWh-Akku muss man mit rund 4000 kg CO2 für die Herstellung der Akkuzellen rechnen. Davon ziehe ich mal locker genau die Menge ab, die für die Herstellung genau der Teile in einem Verbrenner anfällt, die im E-Auto nicht gebraucht werden (Motor, Getriebe, Kataysator, Tank, Auspuff und Abgassystem usw. usw.). Und dann ziehe ich davon die Menge an CO2, die für die Förderung, den Transport und die Herstellung des Treibstoffes anfällt, die so ein Verbrenner im Laufe seines Lebens benötigt.

Rechnen wir mal mit einem Verbrauch von nur 5 Litern pro 100 km für einen Benziner, Laufleistung: 12.500 km, Lebenszeit: 12 Jahre. Dann sind das pro Jahr 625 Liter pro Jahr, also 7500 Liter in 12 Jahren. Pro Liter Benzin werden ca. 15% graue Energie für die Förderung, den Transport und die Herstellung (Raffinerie) benötigt. 7500 Liter Benzin sind 75.000 kWh, also beträgt die graue Energie nochmal 11.250 kWh Energie. Diese Energie fällt nicht vom Himmel, sie muss erzeugt werden, dabei fallen CO2-Emissionen an. Nehmen wir einen relativ geringen Wert von nur 230g/kWh an, so entstehen 2,5t CO2, nur um die 7500 Liter zur Tankstelle zu bringen (zzgl. 17,5 t, die bei der Verbrennung entstehen). So komme ich zusammen auf 20t CO2. Dagegen erscheinen die 4t CO2 für die Akkuherstellung schon sehr wenig (aber natürlich immer noch zuviel, da wird sich noch Einiges tun). Nun muss ich natürlich noch die CO2-Emissionen der Stromerzeugung (25.000 kWh) hinzurechnen (ich habe mal mit dem Winterwert von 16,6 kWh/100 km gerechnet), die nach dem augenblicklichen dt. Strommix bei 480 g/kWh liegen, also 12t. Ich rechne also 4t (Akku) + 12t (Strom, aktueller Mix) = 16t. Wenn ich aber sehe, dass ich die CO2-Emissionen der Stromerzeugung gut im Griff habe (Ökostromvertrag + Beachtung des reales Mixes, siehe oben), dann fallen tatsächlich viel weniger als die 12t an. Im Grunde Null, weil ich nun mal ausschließlich Ökostrom nutze und auch keine öffentliche Ladestation kenne, an der kein Ökostrom bilianziell genutzt wird.

Die Rechnug ist und kann nicht vollständig sein, sie zeigt aber grundsätzlich auf, dass Kohlestrom im Auto nicht mehr ist, als ein Märchen, das man den Menschen erzählt. Denn letztlich hat es jeder in der Hand, wann und womit er sein E-Auto lädt. Aber für Märchenstunden haben wir hier und heute keine Zeit.

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2 Kommentare zu „Die Mär vom Kohlestrom im E-Auto

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  1. Hast du mal versucht auszurechnen wie viel Strom von den tausenden hell erleuchteten Tankstellen, die Tag und Nacht darauf warten das mal jemand vorbeikommt um zu tanken, verbraucht wird? Diesen Ballast habe ich noch niemanden auf das Co2 Konto der Verbrenner rechnen sehen.

    Nur mal so als Anregung

    Daniel

    1. Hallo Daniel, natürlich haben wir uns bereits sehr ausführlich damit beschäftigt. Dazu gibt es hier im Blog meinen Initialbeitrag und div. darauf aufbauende Beiträge im Netz. Google mal nach „Auch Verbrenner fahren mit Strom“.

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